Daphne: Außerhalb der Gesellschaft

„…denn was ich alles in Griechenland erlebt, die Bewunderung dieser herrlichen, hellenischen Kunst auf dem Boden, dem sie entsprossen, (…) das sind Eindrücke, die fürs ganze Leben bestimmend sind,“ schrieb Richard Strauss 1892 an Cosima Wagner.

Und tatsächlich blieb seine Griechenlandliebe für sein Œuvre lebenslang bestimmend. In fünf seiner Opern schuf er musikalische Interpretationen des griechischen Mythos: Neben Daphne sind es Elektra, Ariadne auf Naxos, Die ägyptische Helena und Die Liebe der Danae. Mit dem Daphne-Stoff griff Strauss einen der ältesten Mythen des griechischen Altertums auf. Die Geschichte von der Nymphe Daphne (griechisch „Lorbeer“), die sich nicht der Umarmung des Gottes Apollo ausliefern wollte, hat durchaus häufig und intensiv Dichter, Musiker und bildende Künstler inspiriert.

Apollo und Daphne

Apollo und Daphne

Wegen  eines  für  schwach  befundenen Textbuches hatte es diese dreizehnte Oper von Richard Strauss zunächst schwer, ihren Weg ins Repertoire zu finden. Aber in den letzten Jahren fand eine eindrucksvolle Rehabilitierung des Einakters statt, nicht zuletzt in bemerkenswerten Interpretationen, unter anderem von so renommierten Regisseuren wie Peter Konwitschny, Claus Guth und Christof Loy.

„Den Handlungsverlauf und die Dramaturgie des Stückes finde ich gelungen, problematisch ist die sprachliche Behandlung der  einzelnen  Figuren… dennoch  hat Strauss diese überaus sensible Musik komponiert, die mit Abstand ergreifendste und differenzierteste in seinem gesamten Spätwerk,“ bekennt Christof Loy, dessen Inszenierung im Februar letzten Jahres am Basler Theater für Furore sorgte und die jetzt in Hamburg gezeigt wird.

Von Stefan Zweig zu Joseph Gregor

Zur Entstehungsgeschichte: Im November 1933 hatte Richard Strauss sich mit einer Mischung aus Opportunismus und Naivität bereitgefunden, Präsident der von den Nationalsozialisten gegründeten „Reichsmusikkammer“ zu werden, eine Tatsache, die einen bleibenden Schatten auf seinen Charakter und auch auf sein künstlerisches Schaffen geworfen hat. Zu Strauss’ persönlichen kulturpolitischen Zielen zählte dabei jedoch auch, dass er mit Hilfe dieser Einrichtung das Herausdrängen der Juden aus dem kulturellen Leben verhindern konnte.

Richard Strauss

Richard Strauss

Dies betraf ihn unmittelbar, denn nach dem frühen Tode Hofmannsthals hatte er in Stefan Zweig einen neuen künstlerischen Partner gefunden, aus dessen Feder das für Strauss wesentliche Libretto zu „Die schweigsame Frau“ stammt. Die durch beiderseitigen Opportunismus geschaffene  Verbindung  zwischen  Strauss und  den  Nationalsozialisten  hielt  jedoch nicht lange. Man stellte bald fest, dass der Komponist  als  Galionsfigur  schwerlich  zu gebrauchen war, denn er hielt eigensinnig an europäischen Kultur- und Bildungstraditionen fest: „Die Kunst von Morgen ist eine andere als die von Gestern. Sie, Herr Strauss, sind von gestern!“ (Joseph Goebbels).

Der desillusionierte Strauss musste 1935 seinem jüdischen Librettisten mitteilen, dass eine weitere Zusammenarbeit nicht gestattet wurde. Zweig empfahl den Wiener Theaterhistoriker Joseph Gregor als seinen Nachfolger.

Identisch mit der Natur und mit den Göttern

Im Juli 1935 wurde Joseph Gregor von Richard Strauss zu einem Besuch nach Garmisch  eingeladen,  um  die  Möglichkeiten einer zukünftigen literarischen Zusammenarbeit  auszuloten.  Gregor  kannte  Strauss’ Neigung zu Vorlagen aus dem griechischen Sagenkreis: „Im Bemühen nicht mit leeren Händen kommen“ legte er dem Komponisten  das  Szenario  des  Einakters  Daphne vor. Strauss hatte sich schon länger mit dem Gedanken getragen, den ältesten Opernstoff der Welt zu vertonen und Joseph Gregor begann noch im selben Sommer mit der Ausarbeitung des Librettos. Die Entwicklung des Projektes gestaltete sich jedoch sehr schwierig. Der Komponist  warf  seinem  Dichter  „schlecht imitierten Homerjargon“ vor und „Weltanschauungsbanalitäten“, so dass der gekränkte Gregor kurz davor stand, die Zusammenarbeit aufzukündigen.

Strauss  nahm bewusst entscheidenden Einfluss auf Dichtung und szenischen Verlauf. Beispielsweise achtete er auf psychologische Momente, die den  szenischen  Vorgängen  zu  besonderer Tiefenwirkung verhelfen sollten. In wenigen Monaten entstanden insgesamt drei Textfassungen, die letzte unter großem Zeitdruck. Am 24. Dezember 1937 vollendete Strauss die Partitur im sizilianischen Taormina, und im Oktober des darauf folgenden  Jahres  fand  in  Dresden  unter  der musikalischen Leitung von Karl Böhm die Uraufführung statt.

Peneios - Wilhelm Schwinghammer Gaea - Hanna Schwarz Daphne - Agneta Eichenholz

Agneta Eichenholz (Daphne), Wilhelm Schwinghammer (Peneios), Hanna Schwarz (Gaia)

„Richard Strauss und Joseph Gregor folgen der Geschichte über weite Züge, psychologisieren das Material aber stark“, charakterisiert der Regisseur Christof Loy seine Sichtweise. „Beschrieben wird eine dysfunktionale Familie, in deren Zentrum die Tochter steht – Daphnes Eltern, Gaia und Peneios, stellen kein emotional ausgeglichenes Paar dar. In ihrer Verschiedenheit scheint es fast, als träten sich hier zwei Prinzipien gegenüber. Für mich hat Gaia Züge einer moralisch verdorbenen, übererotisierten Frau, die in ihrer Tochter ein Ebenbild schaffen will und sie dorthin manipuliert. Und Peneios, der früher einmal im Kreise der Götter beheimatet war, leidet darunter, ein einfacher Familienvater zu sein. Die Oper besteht hauptsächlich aus männlichen Solisten. Es entsteht das Bild einer Frau, die von rohen, lauten und sexualisierten Männern umgeben ist, die sich nicht kontrollieren können.“

Der vermeintlich zeitlose Mythos von der Verwandlung und Naturverbundenheit der Daphne wird so zu einer aktuellen Parabel über Verweigerung und Gegenwehr.

| Annedore Cordes

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