Das ewige Geheimnis der Verkettung alles Irdischen

Kent Nagano und Andreas Kriegenburg erzählen „Die Frau ohne Schatten“  von Richard Strauss als vertikale Reise zwischen Realität und Traum.

Zwei Welten; die lichte Schwerelosigkeit eines Traumreiches und die dunkle Enge des irdischen Menschengetümmels. Darin zwei Paare; im Wesen getrennt, vom Schicksal verbunden und zum Spiegelbild des unbekannten Gegenübers aus der anderen Sphäre worden. – Hugo von Hofmannsthal entwirft zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein Kunstmärchen. Zunächst als schlichtes Volksstück mit Musik gedacht, entwickelt es sich über die Jahre und durch den Einfluss von Richard Strauss zu einer „phantastischen Oper“ in enormen Dimensionen: mit einer vielfarbig strahlenden Komposition für großes Orchester und fünf dramatische Hauptpartien, dazu eine Ausstattung, die Wirklichkeit und Traum durch einen seidenen Faden in unendlichen Windungen verbunden auf die Bühne zaubert.

Kostümentwürfe „Die Frau ohne Schatten“ © Andrea Schraad

„So schnell … brauchen wir wirklich nicht zu heiraten“

Ausgangspunkt für Hofmannsthal ist eine „bizarre Figur“ als Knotenpunkt des Bühnengeschehens. Was dem Komponisten vermutlich nicht bewusst ist: Sein Textdichter denkt an eine Figur „wie Strauss’ Frau. Die Frau ohne Schatten. Die Frau, die ihre Kinder aufgeopfert hat, um schön zu bleiben (und ihre Stimme zu erhalten)“. Pauline de Ahna lernt Strauss als 24-Jährige kennen, folgt ihm nach Weimar und beginnt dort ihre Karriere als Sängerin. Innerhalb weniger Jahre singt sie zahlreiche Opernpartien und Lieder, die Strauss eigens für ihre Stimme schreibt. Als Strauss ihr nach einigen Jahren einen Heiratsantrag macht, reagiert sie verhalten: „Nun soll ich plötzlich ein wahres Muster von Hausfrau werden … So schnell … brauchen wir wirklich nicht zu heiraten; wenn sich jeder zuerst allein gewöhnen könnte, in seinem Beruf alles Glück zu finden … Bitte lassen Sie mich hier wenigstens noch … viele Partien singen; das wird mir über manches hinweghelfen.“ Eine freudigere Reaktion ist vor dem Hintergrund einer patriarchalischen Gesetzgebung, die es dem Ehemann vorbehält über die Berufstätigkeit seiner Frau zu entscheiden und die Leitung des gemeinschaftlichen Hauswesens als oberste Pflicht der Ehefrau gesetzlich festlegt, selbst bei der größten Liebe von einer talentierten und ehrgeizigen Sängerin wohl schwerlich zu erwarten.

Sie war berüchtigt für ihren Willen, ihre Eigenart, ihr Temperament

Als 1897 Sohn Franz zur Welt kommt (Strauss ist gerade auf Konzertreise in Stuttgart und erfährt vom glücklichen Ausgang der lebensgefährlichen Geburt per Telegramm), ist Pauline Strauss de Ahna 34 Jahre alt und steht noch einige Jahre auf der Bühne, bevor sie ab 1906 kaum mehr zum Singen kommt. Der Erfolg ihres Mannes, der ihr täglich Briefe von seinen Reisen schickt, wächst stetig und sie widmet sich mehr und mehr der Familie. Sie war berüchtigt für ihren Willen, ihre Eigenart, ihr Temperament. Streit war in ihrer 53-jährigen Ehe ebenso selbstverständlich wie tiefe Verbundenheit und Treue. Ihren Mann bezeichnet sie als „bürgerlich“ und nach eigener Aussage empfand Strauss das traditionelle Familiengefüge als das Essentielle im Leben: „Was kann denn auch ernsthafter sein, als das Eheleben? Die Heirat ist das ernsteste Ereignis im Leben, und die heilige Freude einer solchen Vereinigung wird durch die Ankunft des Kindes erhöht.“ Das hält ihn nicht davon ab, einige der wichtigsten Sopran-Partien der Operngeschichte für seine Frau zu schreiben, ebenso wenig wie die bekannte und im Freundes- und Künstlerkreis mehrfach ausgesprochene Exzentrik seiner Frau im selbstgetexteten „Intermezzo“ zu thematisieren. Im Alter von 83 Jahren äußert er schließlich (ironisch?): „Schade, dass sie sich zu früh dem schönen Beruf einer … ausgezeichneten Hausfrau und Mutter zugewandt hat!“

Kostümentwürfe „Die Frau ohne Schatten“ © Andrea Schraad

Da eine Ehe, die im Jahr 1900 geschlossen wurde, im Durschnitt vier Kinder hat, darf es wohl nicht verwundern, dass Hofmannsthal beim Gedanken an Pauline de Ahna von der Aufopferung ihrer Kinder spricht – schließlich bekam sie nur ein Kind und war nach der Geburt noch einige Jahre als Sängerin tätig.

„Meine Seele ist satt worden der Mutterschaft, eh’ sie davon verkostet hat.“

Die Figur, die Hofmannsthal nun inspiriert durch Strauss’ Ehefrau erfindet, ist die der Färberin, im Libretto schlicht als „Frau“ bezeichnet. Sie lebt mit ihrem Mann Barak und dessen drei Brüdern in einem Raum, der Werkstatt und Wohnung zugleich ist. Ihre Ehe blieb bislang kinderlos und je stärker ihr Mann nach Kindern verlangt, desto weiter zieht sie sich von ihm zurück. „Die Amme hat auf den ersten Blick herausgehabt, dass diese junge schlanke Verdrossene ein Weib ist, dem man den Schatten abgewinnen kann, dass diese um schöne Gewänder und Perlenschnüre und um Liebhaber, seufzend an der Hintertür, den Schatten hingibt und die ungeborenen Kinder dazu – denn diese beiden gehen immer zusammen, wie Zeichen und Bezeichnetes“, beschreibt sie Hofmannsthal. Und so gibt sich die junge Frau dem Zauber der menschenverachtenden Amme hin, die sie fragt: „Soll dein Leib eine Heerstraße werden und deine Schlankheit ein zerstampfter Weg? Und sollen deine Brüste welken und ihre Herrlichkeit schnell dahin sein?“ und verspricht auf Schatten und Kinder zu verzichten: „Meine Seele ist satt worden der Mutterschaft, eh’ sie davon verkostet hat. Ich lebe hier im Haus, und der Mann kommt mir nicht nah!“

Kostümentwürfe „Die Frau ohne Schatten“ © Andrea Schraad

Neben der polarisierenden Gegenüberstellung von Schönheit und Mutterdasein, die aus dem Gedanken der zeitgenössischen Emanzipation geboren scheint, sind es Charakteristika der damaligen Hysterie-Lehre, die Hofmannsthals „Frau“ begleiten: Ihr Geschrei, ihr Zorn, die Zuckungen und Ausbrüche gleichen einem Auszug einer psychiatrischen Analyse. Ihr Alltag spielt sich in der Dunkelheit und Enge der irdischen Behausung ab, in der sie auf Erlösung wartet. Aus der Sphäre des Traumreiches tritt schließlich die Kaiserin mit ihrer Amme ein. Auch die Kaiserin, die Frau ohne Schatten, ist kinderlos und will diesem Zustand mit allen Mitteln Abhilfe schaffen, sonst droht ihrem Mann, dem Kaiser der südöstlichen Inseln eines Traumlands, die Versteinerung – so die Botschaft des Geisterkönigs Keikobad. Den Weg weist ihr die Amme: Um einen Schatten und damit Kinder zu erlangen, gilt es menschlich zu werden. Allein, es braucht eine unmenschliche Tat, um dies zu erreichen. Die Menschlichkeit und damit einhergehend die Fruchtbarkeit muss einer anderen geraubt werden.

Der Pakt mit der Färbersfrau scheint besiegelt, als die Kaiserin zurückschreckt: „Ich will nicht den Schatten: auf ihm ist Blut“, ruft sie aus und verzichtet auf die eigene Menschwerdung und damit auf die Rettung ihres Ehemannes und die Gründung einer Familie. Zu unmenschlich scheint ihr das notwendige Vergehen am Menschenpaar der Färber. Durch diesen Akt der Selbstüberwindung erreicht sie einen Zustand völliger Loslösung vom narzisstischen „Ich“ und wird zum Menschen mit Schatten. Die Färbersfrau indes erkennt in der bereitwilligen Entsagung und Abkehr von ihrem Mann erst ihr geliebtes Gegenüber und wagt nun auch den Schritt über das narzisstische „Ich“ hinweg, hinein in die „Verkettung alles Irdischen“. Am Ende der Polarisierung, der Prüfungen, der Schuld- und Liebesfragen steht die Erlösung beider Paare. Und die Stimmen der Ungeborenen bekräftigen geheimnisvoll den ewigen Kreislauf des irdischen Lebens: „Wäre denn je ein Fest, wären nicht insgeheim wir die Geladenen, wir auch die Wirte!“

Janina Zell

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