Fabian Hart

Die Sache mit dem Dresscode

Der Opernabend naht, die Schuhe werden aufpoliert und der Anzug an die Luft gehängt. Was vor Jahrzehnten als schicke Selbstverständlichkeit galt, sorgt heute mehr und mehr für Verwirrung – was ziehe ich in der Oper an, wie kleide ich mich richtig? Und gibt es das überhaupt noch, richtig und falsch? Wir trafen uns mit Modeblogger und Wahl-Hamburger Fabian Hart zum Gespräch im Café Paris. Seit 2005 ist er in Sachen Stil und Mode unterwegs und bloggt – nach Zwischenstopps bei L’Officiel Hommes, VOGUE.de und GQ Style – seit vier Jahren auf www.fabianhart.com. Mit uns sprach er über Dresscodes, Oper als Kontrastprogramm und warum auch Jeans und Shirt die beste Wahl sein kann.

Woher kommt die Angst vor’m Dresscode?

Das Live-Erlebnis, die Bühne in welcher Form auch immer, ist wichtiger als je zuvor, da es ein Ausgleich zu den meist digitalen Orten ist, an denen wir Musik heute konsumieren. Die Staatsoper ist aber eben keine O2-Arena, allein ihre Architektur signalisiert einen exklusiven, elitären Rahmen. Die Angst davor, diesen Rahmen zu sprengen, nicht zu entsprechen, kann man sehr gut mit Schwellenangst beschreiben. Die gibt es im Vergleich dazu ja auch bei bestimmten Stores oder Restaurants. Leute werden unsicher, trauen sich nicht rein, weil sie denken: „Ich kann mir das nicht leisten, das ist nicht mein Niveau. Man enttarnt mich.“

Braucht die Gesellschaft einen Dresscode?

Ich finde Dresscodes top, obwohl und gerade auch weil es sie eigentlich nicht mehr gibt. Selbst bei Hochzeiten gibt es mittlerweile so viele alternative Mottos, auch bei Beerdigungen trägt man nicht mehr ausschließlich Schwarz. Das hat sich sehr geöffnet. Die vorherrschenden Dresscodes – Büro, Job, Familienfeier – haben sich aufgelöst. Das ist auf der einen Seite natürlich toll, weil man sich von Zwängen befreit, seinen eigenen Stil entwickeln kann und nicht immer je nach Publikum seine sozialen Rollen performen muss.

Andererseits finde ich es schön, wenn ich mir vor einem Ereignis, wie etwa einem Opernbesuch, überlegen kann, was ich anziehen möchte. Es muss ja nicht der Anzug sein, das gesteifte Hemd mit Fliege, aber vielleicht ist es die perfekte Jeans oder ein tolles Shirt. Dass man sich Gedanken macht, drückt ja auch eine Wertschätzung aus. In diesem Falle gegenüber den anderen Besuchern und vor allem den Menschen, die auf der Bühne stehen. Wenn sich die Künstler verbeugen, ist das eine Geste der Dankbarkeit und des Zusammenspiels mit dem Publikum. Jeder, der auf einer Bühne steht, ist abhängig vom Publikum. Das Verneigen, der Anstand und die Bescheidenheit des Künstlers zeigen den direkten Bezug zum Publikum. Und genauso ist es für mich als Besucher auch wichtig, diese Nähe auszudrücken. Ich ertrage es nicht, wenn jemand mit Jack Wolfskin in der Oper vor mir sitzt. Oder seine Wanderschuhe trägt, oder die Funktionsjacke auf dem Schoß hat. Also ja, der Dresscode ist gefallen, was aber nicht bedeutet, dass ich mich nicht einem Anlass entsprechend kleiden kann.

Wie sieht das ideale Opernoutfit aus?

Die Leute sollten tragen, worin sie sich wohlfühlen, aber auch repräsentativ sind. Für die Eine ist das ein Abendkleid und für die Andere ein schwarzer Hosenanzug oder eine Jeans und ein Oberteil. Ich finde, dass Leute, die sich für die Oper schnell mal noch einen Anzug leihen oder kaufen, in den meisten Fällen verkleidet aussehen: Man merkt, dass der Anzug nicht sitzt, noch nie gesessen hat oder eben nur einmal im Jahr vom Dachboden runterkommt. Lass es lieber, zieh ein geiles T-Shirt an, eine gute Hose und genieß es.

Obwohl andere Kulturinstitute ähnliche Voraussetzungen haben, scheint das Publikum individueller gekleidet. Warum?

Theater und Oper sind zwei verschiedene Publika. Theater ist da aus meiner Sicht freier, mehr bohemian, oft auch nahbarer. Da ist die Schwellenangst nicht so hoch. Für beide gilt aber: Gib dir Mühe, sieh aber nicht bemüht aus. Dann ist es auch egal, ob du alternativ oder klassisch oder kommerziell gekleidet bist.

5 Kommentare

  1. Elisabeth sagt:

    Da habt Ihr Euch aber einen Bärendienst erwiesen. Gepflegt und ordentlich und fertig, viel wichtiger wäre: nicht husten bis zum Forte und es kommt immer eines…und lieber die Jacke auf dem Schoß, als zwanzig Leute aufstehen zu lassen, damit man der Erste an der Schlange beim Kassenautomat ist. Die Zeiten des Aufpolierens für den Opernbesuch sind endlich vorbei. Das kann man in Hamburg auch sehen.
    Eine mehr launige Anmerkung zu dem Foto weiter oben: Meiner Meinung nach fehlt da der Kummerbund, oder die Weste. 🙂

  2. Silke sagt:

    Dass man seine Hochachtung vor dem Künstler mit der Wahl seiner Kleidung ausdrückt, ist mir neu. Jeder kann und soll selbst entscheiden, in welcher Kleidung er seinen Abend genießt. Wem Jack-Wolfskin-Anblicke nicht gefallen, kann sich ja auf die Darbietung konzentrieren. Genau: Die Zeiten des Sich-für-die-Oper-schick-Machens sind endgültig vorbei. Gut so !

  3. Stefan sagt:

    Ich gehe seit 40 Jahren in die Oper und die Garderobe aber auch das Verhalten der Zuschauer hat sich insgesamt sehr verändert. Leider nicht zum Guten. Die Garderobe sollte dem Anlaß entsprechend gewählt werden, sauber sollte sie natürlich auf jeden Fall sein. Und die Garderobe nicht abzugeben, ist ein No Go, abgesehen davon, dass neuerdings keine Garderobengebühr zu entrichten ist. Ich weiß aus Fachkreisen, dass den Künstlern ein Kenner im Publikum wichtiger ist als ein „Aufgestylter“, der sich gar nicht für die Oper interessiert, sondern eben nur in der Premiere sein möchte.

  4. Inge sagt:

    Für mich ist ein Opernabend immer noch ein besonderes Ereignis, weil ich Musik/Ballett liebe und den entsprechenden Rahmen dazu haben möchte. Auch wenn es heute natürlich nicht mehr notwendig ist, das „Kleine Schwarze“ oder gar ein langes Abendkleid zu tragen, finde ich das Gegenteil äußerst unpassend, nämlich in normaler „Alltagsklamotte“ zu kommen. Ein bisschen Stil darf schon sein: Tuchhose mit Blazer und schicker Rollkragenpullover oder ein nettes Etuikleid z.B. Für mich bedeutet es auch, dadurch die Anerkennung der künstlerischen Leistung zu demonstrieren; es ist eben nicht nur Kino, wo man sich in Jeans und T-Shirt in den Sessel fallen lässt. Das mag Jeder für sich selbst entscheiden.

  5. Isabel sagt:

    Es gibt doch nichts Schöneres als in der Pause, zwischen zwei Akten mit einem Gläschen Champagner, die Garderobe der Damen und Herren zu begutachten und über die ein oder andere Modesünde zu tratschen.Was wäre die Welt ohne modische Vielfalt,auch in der Oper.Für einen besonderen Opernabend kann man dann doch schon mal das kleine Schwarze aus dem Schrank holen und auch die Herren der Schöpfung sehen doch schicker aus im Anzug als in Jeans und Pulli.Also liebes Opernpublikum holt eure schicken Klamotten aus dem Schrank für den nächsten Opernbesuch !

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