„Hummel, Hummel – Mors, Mors“ [Figaro Edition]

In unserer zweiten Ausgabe von „Hummel Hummel – Mors Mors“ haben wir uns mit zwei Personen aus unserem Haus getroffen, die seit vielen Jahren sowohl auf als auch hinter der Bühne der Oper stehen: Anna Kravtsova, Korrepetitorin und Pianistin und Wilhelm Schwinghammer, Sänger und Ensemblemitglied der Staatsoper Hamburg. Wir haben die beiden zwischen den Proben unserer aktuellen Neuproduktion „Le Nozze di Figaro“ getroffen.

links: Anna Kravtsova, rechts: Wilhelm Schwinghammer

Anna Kravtsova und Wilhelm Schwinghammer

 

Welchen Berufswunsch hattest Du als Kind?

Anna Kravtsova: Meine Tante wollte Sängerin werden und hatte ein eigenes Klavier. Das Instrument war wie ein riesiges Spielzeug für mich und ich war sehr stolz, dass ich meine Tante musikalisch begleiten konnte. Ich liebe die menschliche Stimme und obwohl ich auch Solistin bin, war es für mich spannender, wenn es Wörter, einen Text und die Musik gab. Es war deshalb immer mein Traumberuf, Korrepetitorin zu werden.

Wilhelm Schwinghammer: Ich wollte Profifußballer werden. Ich bin im Musikinternat in Regensburg aufgewachsen. Wir haben jeden Tag Fußball gespielt und waren große Fans vom FC Bayern. Natürlich wollten fast alle Fußballprofis werden, aber irgendwann wird man realistischer. Obwohl ich zwischendurch mal Tierarzt werden wollte, bin ich immer bei der Musik geblieben und studierte, im Anschluss an meine Chorzeit, Gesang in Berlin. Fußball ist aber ein Hobby geblieben.

 

Hamburg wird von vielen (Hamburgern) als die schönste Stadt der Welt bezeichnet. Würdet ihr dieses Statement unterschreiben?

A: Absolut! Die Stadt hat Persönlichkeit. Für mich hat Hamburg die perfekte Größe und mit der Alster und der Elbe – gerade jetzt im Herbst – ist es wunderschön. Das Venedig des Nordens. Erst kürzlich wurde ich von meinem Sohn (9 Jahre alt) ermahnt. Wir waren in Florenz und ich kam ins Schwärmen, bis mein Sohn ganz außer sich war und protestierte „Du magst Hamburg nicht!“. Er ist hier geboren und liebt die Stadt über alles und auch meine Wahrnehmung hat sich durch ihn verändert. Die vielen Spielplätze, Grünflächen und Spazierwege machen Hamburg sehr kinderfreundlich.

W: Das sagen die meisten von ihrer Stadt. Die Salzburger, die Münchner, die New Yorker usw. Hamburg ist eine wunderschöne Stadt und die Mentalität ist mehr als gastfreundlich. Mit Superlativen bin ich vorsichtig, aber ich wäre nicht schon 12 Jahre hier, hätte ich keinen Narren an der Stadt gefressen. Als Münchner bin ich die gute Luft ebenfalls gewohnt, aber eine Alpen- vs. Hafenstadt – ein Vergleich ist unmöglich.

 

Welche Inszenierung hier an der Staatsoper ist Euch besonders in Erinnerung geblieben?

A: Ich bin großer Fan der Inszenierungen von Willy Decker. Die erste Inszenierung überhaupt, die ich hier gesehen habe, war „Pelléas et Mélisande“. Die größte Herausforderung für mich war
„Dialogues des Carmélites“  inszeniert von Nikolaus Lenhoff. Nicht weil das Stück schwer zu spielen ist, sondern weil ich es nicht schaffe, es ohne Tränen zu beenden. Sobald es zur Klaviertechnik-Probe kommt und die letzte Szene auf dem Probenspielplan steht, überkommen mich beim Spielen die Emotionen. Diese Inszenierung ist einzigartig und für mich waren diese beiden Produktionen der Beweis, dass ich an dieses Haus gehöre.

W: Ich stimme Anna zu. Ich habe selbst bei „Dialogues des Carmélites“ gesungen und finde sie fantastisch. Im Repertoire Betrieb ist es oft hektisch. Wenn man eine Produktion zusammen mit einem Regisseur erarbeitet, entsteht automatisch eine andere Intensität. Da fällt mir spontan die Arbeit mit Doris Dörrie für „Don Giovanni“ ein. Die Zusammenarbeit war toll und hat großen Spaß gemacht. Nun liegt der Fokus auf den Proben zu „Le Nozze di Fiagro“ und ich freue mich sehr, nachdem ich schon in der Inszenierung von Johannes Schaaf gesungen habe, in der Neuinszenierung von Stefan Herheim dabei sein zu dürfen.

 

Wagner oder Verdi?

A: Verdi! Mit seinen Werken kann ich mich identifizieren. Sie gehen direkt auf menschliche Konflikte ein und diese können sehr modern und authentisch inszeniert werden. Ich lernte Italienisch bevor ich Deutsch lernte und Verdi trifft bei mir voll ins Herz.

W: Wagner! Ich singe seit einigen Jahren Wagner und die Tiefe seiner Werke und Charaktere faszinieren mich immer wieder aufs Neue. Die Verschmelzung von Musik, Drama und Text ist unglaublich. Ich habe bisher fast alle Wagner Opern gesungen und auf einer Bühne wie in Bayreuth dabei zu sein, ist grandios.

 

Figaro Hamburg

Anna und Wilhelm im Gespräch zwischen den Proben zu Le Nozze di Figaro

Anmerkung der Redaktion: Anna und Wilhelm kommen ins Schwärmen über die beiden Komponisten. Leider sprengt das den Rahmen dieses Formats, aber die Wertschätzung ist unüberhörbar riesengroß.

 

Popmusik oder Rockmusik?

A: Wahrscheinlich Popmusik aber da bin ich definitiv kein Experte.
W: Ich glaube eher Pop. Ich bin Baujahr 1977 und mit der Musik der „80iger“ aufgewachsen.
Ich mag Popmusiker die auch wirklich singen können. Billy Joel, Elton John, Sting, George Michael, das sind echte Künstler. Mit der Popmusik von heute kann ich nicht mehr ganz so viel anfangen.
A: Da stimme ich Wilhelm zu. Das war eine große Zeit des Entertainments und solche Künstler wie auch Frank Sinatra zum Beispiel gibt es heute nicht mehr.

 

Frage von Anna Kravtsova an Wilhelm Schwinghammer: „Lieber Wilhelm, kochst du gerne?“

W: Leider habe ich keine Geduld beim Kochen. Ich bin dafür ein guter Esser! Im Internat wurde immer gekocht und das hat sich daher bei mir nie entwickelt. Dafür ist Oper auch ein wenig wie kochen. Jeder bringt seine Zutat und am Ende kommt hoffentlich ein gutes Ergebnis dabei raus. In meiner Freizeit muss ich eher darauf achten, einen sportlichen Ausgleich zu haben, um die Liebe zum Essen zu kompensieren.

 

Frage von Wilhelm Schwinghammer an Anna Kravtsova: „Liebe Anna, kommt es bei Dir auch mal zu Erschöpfungserscheinungen vom vielen Klavierspielen?“

A: Ich höre in meinem Umfeld häufig von Rückenproblemen und müden Knochen. Ich weiß nicht warum, aber ich habe das nie. Meine Professorin damals in Moskau war wie meine Ersatzmutter und sie hat immer genauestens auf meine Haltung geachtet und das nicht nur am Klavier. Ich liebe das Klavierspielen so sehr und verliere dabei jegliches Zeitgefühl. Ich kann diese Frage daher mit Nein beantworten.

Kurzbiografie Anna Kravtsova:

Die russische Pianistin Anna Kravtsova studierte am Tschaikowsky-Konservatorium in Moskau. Nach dem Diplom als Konzertpianistin, Korrepetitorin und Klavier-Pädagogin folgte ein postgraduales Studium der Musikpädagogik am Moskauer Konservatorium, wo sie sich in allen Bereichen des Gesangs und der Oper spezialisierte. Zu ihren Professoren zählten Lev Naumov und Nina Dorliak. Sie arbeitete als Korrepetitorin am Bolschoi-Theater in Moskau. In Caracas, Venezuela, arbeitete sie als Korrepetitorin an der lateinamerikanische Gesangsakademie Teresa Hurtado und am Staatstheater Teresa Carreno. Sie gab zahlreiche Kammermusik Konzerte in Frankreich, Spanien, Italien, Österreich und Russland. Seit 2001 arbeitet sie als Korrepetitorin an der Staatsoper Hamburg.

 

Kurzbiografie Wilhelm Schwinghammer:

Wilhelm Schwinghammer ist ein Schüler von Harald Stamm. Er gehört seit 2005 zum Opernensemble. Zu den Rollen, die er hier gestaltete, zählen Sarastro (Die Zauberflöte), Rocco (Fidelio), Sparafucile (Rigoletto), Basilio (Il Barbiere di Siviglia) Masetto und Leporello (Don Giovanni), Osmin (Die Entführung aus dem Serail) und Orest (Elektra). Regelmäßig gastiert er an wichtigen internationalen Opernhäusern; bei den Bayreuther Festspielen war er in letzter Zeit als König Heinrich (Lohengrin) sowie als Fasolt (Das Rheingold) zu Gast. Ab 15.11. ist Wilhelm Schwinghammer als Figaro in „Le Nozze di Figaro“ zu sehen.

 

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