Hummel Hummel – Mors Mors: Wozzeck trifft Ankleider

Regen, pompöse Kostüme und Nostalgie… Zur Wiederaufnahme von Alban Bergs „Wozzeck“ haben wir unseren Wozzeck, den international gefeierten Bariton Georg Nigl und Ankleider Kurt Zuber, der seit 38 Jahren an der Hamburgischen Staatsoper arbeitet, zu Hummel Hummel – Mors Mors eingeladen.

Wie fühlt es sich an, neu an ein Opernhaus zu kommen?

Georg Nigl: Wenn ich als Gastsänger an ein Haus komme, ist mir die gute Zusammenarbeit mit den Kollegen vor Ort besonders wichtig. Sie gewährleistet, dass man sich bei jeder Probe und an jedem Abend wohl fühlt und seine Leistung abrufen kann.

Ich bin zwar selten nervös vor den Auftritten, aber es hilft schon sehr, wenn alle um einen herum gelassen bleiben. So kann diese Ruhe den Sängern auch Sicherheit geben. Kurt macht das ganz großartig.

Kurt Zuber: Ich schließe mich da an. Es ist sehr wichtig, die Gäste herzlich willkommen zu heißen und optimal zu betreuen, für sie da zu sein und auf ihre Wünsche einzugehen. Gerade bei so einem speziellen, modernen Werk wie „Wozzeck“, sollten die Gäste die Möglichkeit haben, sich nur auf die Musik zu konzentrieren. Dabei ist ein erfahrener Ankleider, der ein Stück bereits betreut hat und den Gästen ruhig und professionell zur Hand gehen kann, natürlich unentbehrlich. Besonders neuen oder jungen Sängerinnen und Sängern, die oft nervös oder aufgeregt sind, hilft es, jemanden Routiniertes an ihrer Seite zu haben.

In wie weit ist das Kostüm für Sänger eine Hilfe, in die Rolle zu finden?

Georg: Mein Vater war Schneider. Er hat oft gesagt: „Was Gott dir nicht gab, gibt dir dein Schneider.“ Ein gutes Kostüm kann wahnsinnig hilfreich sein! Es gibt nichts Schlimmeres, als ein zu kompliziertes Kostüm, das einen von seiner eigentlichen Aufgabe ablenkt. In der heutigen Zeit wird man ja oft nach seinem Aussehen bewertet. Nichts ist unangenehmer, als auf der Bühne zu stehen und die Leute denken: „Was ist denn das für ein komischer Typ?“.

Kurt: Ein Kostüm kann sehr viel ausmachen. In den letzten Jahren ist es meiner Meinung jedoch schwieriger für Sänger geworden, einen Charakter nur durch das Kostüm darzustellen. Es gibt weniger historische Kostüme, an denen man sofort den Prinzen oder den Grafen auf der Bühne erkennt. Heute ist es wichtig, die Rolle auch schauspielerisch auszufüllen.

© Brinkhoff/Mögenburg

Das „Wozzeck“-Ensemble im Geldregen

In der Inszenierung von Peter Konwitschny regnet es Geld vom Himmel, in Hamburg kennt man Schietwetter nur allzu gut. Wenn ihr euch etwas wünschen könntet, was sollte es regnen?

Georg: Ich erinnere mich, dass ich als Kind immer wahnsinnig fasziniert war, wenn es geschneit oder geregnet hat. Das war einfach etwas Besonderes. Es fasziniert mich heute auch auf der Bühne noch am meisten, wenn Schnee oder Regen von oben kommt. Alternativ fände ich Federn schön!

Kurt: Ich ziehe den Schnee vor. Gegen Lametta hätte ich aber auch nichts einzuwenden!

Alt oder neu?

Kurt: Ich würde mich für neu entscheiden, weil ich wichtig finde, dass man sich weiterentwickelt und nicht immer auf das Alte zurückgreift. Man sollte Stücke immer weiterinterpretieren und es ist auch unsere Aufgabe, zeitgenössische Oper zu zeigen. Man hat ja auch nicht ein altes Radio oder einen alten Fernseher zu Hause, sondern immer das neueste Modell. Warum sollte das in der Welt des Musiktheaters anders sein? Wir brauchen moderne Inszenierungen, um diese Sparte auch für ein junges Publikum zugänglich zu machen.

Georg: Wenn wir von „alt oder neu“ im Zusammenhang mit Interpretation und Verständnis von Musiktheater sprechen, dann sicherlich neu – wir dürfen nicht stehen bleiben, aber mit dem Wissen um das Alte.

Schlicht oder pompös?

Georg: Es kommt ganz darauf an, aber ich entscheide mich für pompös, obwohl in dieser „Wozzeck“-Inszenierung die schlichten Kostüme überzeugen.

Kurt: Ich tendiere auch zu pompös: Je voller die Bühne, je schöner die Kostüme und je zahlreicher die Umzüge, desto mehr Spaß macht es aus meiner Sicht.

© Brinkhoff/Mögenburg

Georg Nigl als Wozzeck in Alban Bergs gleichnamiger Oper

Süß oder herzhaft?

Georg: Ich bin zwar katholisch, aber eher für das Herzhafte zu haben. Ich bringe da gern das Beispiel von der Sachertorte – ob es die Sachertorte im Hotel Sacher oder von der Mama ist – mir ist das nach zwei Bissen meist genug. Ich bin zwar ein genussvoller Mensch, aber ich brauche beides nicht im Übermaß.

Kurt: Bei mir ist das genauso. Es sollte ausgeglichen sein!

Frage von Kurt an Georg: Warst du mal fest an einem Haus engagiert?

Georg: Nein, das wollte ich auch nie. Ich war immer freischaffend tätig, außer für kurze Zeit als Jugendlicher. Damals war ich drei Jahre lang am Burgtheater in Wien.

Frage von Georg an Kurt: Ist die Arbeit hier am Haus hinter der Bühne mit den Kollegen schwerer oder leichter als früher?

Kurt: In 38 Jahren verändert sich an einem Haus natürlich so Einiges, die „alten Hasen“ verabschieden sich nach und nach in den Ruhestand, viele junge Leute kommen nach. Dies birgt Herausforderungen, aber schafft auch schöne neue Momente.

 

Georg NiglNigl_Georg_c_Anita Schmid

Georg Nigl begeistert Publikum und Presse stets durch leidenschaftliche und authentische Auftritte, sei es bei seinem gefeierten „Wozzeck“ an der Mailänder Scala oder seiner Interpretation der Bach-Kantaten mit Luca Pianca.

Sein unverwechselbares Timbre, das seinen Figuren spezielles Gesicht verleiht und den besonderen Charakter gibt, führt ihn auf alle wichtigen Opernbühnen. So trat er unter anderem am Bolschoi Theater Moskau, der Staatsoper Berlin, der Bayerischen Staatsoper München, dem Théâtre des Champs-Elysées und der Niederlandse Opera Amsterdam sowie bei Festivals wie den Salzburger Festspielen, dem Festival Aix-en-Provence, der Ruhrtriennale und den Wiener Festwochen auf.

© Sarah WeissbergKurt Zuber

Der gebürtige Regensburger Kurt Zuber ist seit 38 Jahren an der Hamburgischen Staatsoper tätig und betreut als Ankleider die Sänger in der Herrensologarderobe.