rosalie: Kein Blau ist heute mehr gleich blau – Zur Emotionalität des Lichts

Die Künstlerin rosalie spricht über ihre Lichtskulptur für die Aufführung der 8. Symphonie von Gustav Mahler. Das Gesamtprojekt wird unter dem Titel „Mahler 8“ an drei Terminen in der Elbphilharmonie zu sehen sein.

Nach dem Lichtvorhang, den die Hamburger zu Beginn der ersten Spielzeit in der Intendanz von Georges Delnon im September 2015 an der Glasfassade der Staatsoper bewundern konnten, steht jetzt deine zweite Arbeit an: eine Lichtskulptur in der Elbphilharmonie zur 8. Symphonie von Gustav Mahler. Wie kam es dazu?

rosalie: Für mich geht es vor allem darum, neue Universen aus Licht von Farbkraft und Emotionalität zu erkunden – eine große Herausforderung. Es ist eine
konkrete Sondierung im Unbekannten – natürlich immer von der Musik hergedacht. Sie ist für unsere Lichtskulptur der Fokus, Brenn- und Ausgangspunkt für Freiräume der Wahrnehmung, Perspektiven ins Offene, auch der eigenen Phantasie und der des Publikums. Man hat es nie mit einer statischen Skulptur zu tun, da das Licht stets fein und nuanciert in Bewegung ist. Das Licht erscheint dreidimensional. Man könnte auch von einer Lichtmalerei, einer Lichtzeichnung oder von gewebtem Licht sprechen. Besonders denke ich auch an die Idee des „träumenden Lichts“. Licht ist für mich das Gestaltungsmittel unseres Jahrhunderts.

Du arbeitest ja schon seit längerer Zeit am Dialog zwischen Räumen, Musik und Licht. Wie würdest du deine Herangehensweise an einen neuen Raum allgemein beschreiben?

rosalie: Ich taste mich jedes Mal wieder völlig neu an die Themen heran und betrachte sie von allen Seiten, beginne ganz vorne, bei Null. Und es ist immer ein fast unabschließbar wirkender, unendlicher Prozess. Ich habe mich lange mit den Wechselwirkungen zwischen Musik, Raum und Licht auseinandergesetzt – in Theatern, Opernhäusern, Konzertsälen, Museen und experimentellen Räumen. Dabei sind immer wieder völlig verschiedenartige Umsetzungen entstanden. Kunst reagiert auf die Kunst. Manchmal ist dies tatsächlich eine unendliche Geschichte, die vielleicht nie ganz zu Ende erzählt werden kann.

Welche Energien, welche „Inhalte“ hörst du in der Musik von Mahler, die dir eine Inspiration für deine Arbeit geliefert haben?

rosalie: Wir wissen: Mahler selbst träumte ja schon als Operndirektor und Theatermacher in Wien bis 1907 eine neue Idee der Moderne voraus. Für mich spiegelt sich dieser Aufbruch im „Veni Creator Spiritus“-Thema wider, welches eine entsprechende Potenzierung im grandiosen „Accende-lumen“-Thema im ersten Satz der Symphonie erfährt – mit unerhörten Resonanzen aus Licht. Hier kann man geradezu von einer gesteigerten Emotionalität des Lichts sprechen.

„Am farbigen Abglanz haben wir das Leben“ – heißt es in Faust II. Und in eben jene geheimeren Welten entführt uns dann dieser großartige zweite Satz der Symphonie mit seiner wunderbaren Verwandlungsmusik von der schwankenden Waldung, die sich auch in einem weiten Bogen aus Licht hinüber wölbt bis zum finalen „Chorus Mysticus“.

Es geht um den Eros und das Unendliche, die Liebe und das Licht. Kein Blau ist heute mehr gleich blau, alles ist voller neuer Geheimnisse in seinen Strukturen, in Form, Farben, Rhythmus und Bewegung. Für mich haben wir es zuletzt auch mit einem unglaublich anrührenden Gleichnis über die Vergänglichkeit zu tun. Ohnehin darf man die Größe des Werks nie imitieren, nie illustrieren oder eins zu eins verdoppeln. Man muss das Enorme verschlanken. Und nicht zuletzt geht es darum, durch maximale Transparenz und Leichtigkeit des Lichts, die Aufmerksamkeit für die Wahrnehmung des Werks zu steigern und mit unserer Zeit zu konfrontieren.

Die Lichtskulptur im Entstehungsprozess

Die Lichtskulptur im Entstehungsprozess

Welche architektonisch-räumlichen Parameter bietet dir der Raum der Elbphilharmonie für deine Idee von Mahler?

rosalie: Der Raum ist ja immer ein Forum für die künstlerische Gestaltung/Umgestaltung, wie es wiederum im Faust heißt. Aber natürlich ist die Elbphilharmonie etwas ganz Besonderes – vor allem im Zusammenspiel mit der „Symphonie der Tausend“ –, ein intensives Erlebnis für alle: die ausübenden Musiker, die künstlerisch Mitwirkenden und das Publikum in der terrassierten Anordnung rundherum. Es gilt, diesem großen Ganzen und der Musik Mahlers mit einer ganz schlichten, klar strukturierten skulpturalen Form zu begegnen, im Sinne einer Landschaft aus Licht – ins Heute gedacht.

Musstest du diesen Raum „erobern“? Hat er auch Widerstände gezeigt?

rosalie: Das Wort von der „Eroberung“ ist mir zu einnehmend. Künstlerische Arbeit ist immer auch ein Akt des ständigen Forschens, des Experimentellen, ein dialektischer Prozess von Widersprüchen und Reibungen, in dem oft rätselhafte Fragen auftauchen und Antworten formuliert werden müssen. Dabei gibt es selbstverständlich immer kritische Momente. Die Achte in der Elbphilharmonie ist eine Herausforderung, in künstlerischer wie in technischer Hinsicht. Ich freue mich ganz besonders auf  Mahlers „Raumklangmusik“ für Soli, Chor und Orchester. Diese ist eine außergewöhnliche und riskante Setzung eines Komponisten, über dessen Werk meine Lichtskulptur aus der Verbindung von Musik und Dichtung entsteht. Im Sinne von Goethes Faust: „In Winkeln bleibt noch vieles zu entdecken.“

Interview: Johannes Blum

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