OpernTester nehmen „Fidelio“ unter die Lupe

Drei Hamburger Studenten haben die Neuproduktion „Fidelio“ vorab angesehen und schildern euch hier ihre Eindrücke.

Am 24. Januar, vier Tage vor der Premiere, waren Renke, Melf und Stephanie bei der Hauptprobe von „Fidelio“ dabei. Die drei haben es sich in einer Loge gemütlich gemacht und die Inszenierung von Opernintendant Georges Delnon unter die Lupe genommen. Was hat sie besonders berührt? Ist ein bestimmter Ohrwurm hängen geblieben?

Auf dem Weg zur Hamburger Staatsoper überlegte ich, warum die Oper für mich nie wirklich ein Thema war: „Liegt es daran, dass Musik in unserem Alltag keinen Platz mehr findet? Aber wir hören doch fast den ganzen Tag Musik; ob Radio, Spotify oder die Musik in den Bahnhöfen. Haben wir kein Interesse am Schauspiel? Nein, schließlich sitzt ein Großteil der Bevölkerung abends vor dem Fernseher…“ So schweiften meine Gedanken, bis ich zu dem Schluss kam: Die Oper mag für mich uninteressant sein, weil ich, wenn ich mal einen Ausschnitt im Fernsehen gesehen habe, nichts verstanden habe, von dem was diese goldenen Stimmen für Wörter singen. Vergleichen könnte man diese Art des Argwohns damit, dass man beim Schauen eines fremdsprachigen Films nach einer Weile wegschaltet, weil man der Handlung nicht zu 100 Prozent folgen kann, auch wenn das Thema noch so interessant und die Qualität des Materials noch so hoch ist. […] (Melf)

© Arno Declair

© Arno Declair

Ein ganzer Balkon, nur für uns Tester! So entstand in dem großen Saal ein gewisses Maß an Intimität. Von oben sahen wir herab auf das arbeitende Volk: Kamerateams, Fotografen, Techniker, Regisseur… ich kann sie gar nicht alle benennen. Im Vergleich zu ihnen wirkte unsere Aufgabe wie Freizeit. (Melf)

Ich war gleich doppelt gespannt auf diesen Abend: Zum einen durfte ich Beethovens Oper „Fidelio“ nun endlich auch einmal auf der Bühne sehen, anstatt sie nur zu hören, und zum anderen betrat ich zum ersten Mal die Staatsoper Hamburg. (Renke)

Bisher habe ich noch keine Nummernoper gesehen und war gespannt, wie sich die gesprochenen Dialoge in das Gesamtbild einfügen. Durch die Aufeinanderfolge dieser Dialoge, Arien, Duette und dem Chor, aber besonders dem Quartett zwischen Fidelio, Marzelline, Rocco und Jaquino, die durch das gemeinsame Singen unterschiedlicher Texte ihren eigenen Standpunkt und die Uneinigkeit über den Verlauf zum Ausdruck brachten, wurde aus vielen Teilen ein Gesamtbild geschaffen. (Stephanie)

© Arno Declair

© Arno Declair

Das Orchester war wirklich sehr beeindruckend. Viele der Musiker konnten wir von unserem Logenplatz aus sehen, schon beim Stimmen der Instrumente zugucken. Dadurch, dass man nicht bei einer regulären Aufführung zu Gast ist, sondern einer Probe beiwohnt, bekommt man einen ganz anderen Einblick in die Oper. Man wagt quasi einen Blick hinter die Kulissen, in den Arbeitsalltag der Menschen in der Oper. Da gab es zum Beispiel den Tontechniker, der bei laufender Probe durch das Bühnenbild schritt, um letzte Details zu überprüfen; den Regisseur, der an so mancher Stelle das Orchester unterbrach, um beispielsweise die Position des nackten Schauspielers auf der Bühne um einen Meter zu verändern […] (Renke)

Ein großer Chor von Gefangenen singt und erfüllt mit seiner Kraft den Saal. […] …habe ich nicht gerade sogar von hinten einen Blechbläser gehört? Als die Sänger das erste mal zu singen begannen, blinkte über der Bühne etwas und ich stellte erleichtert fest, dass der Text dort per Beamer angeworfen wird. Meine Befürchtung, ich würde nichts verstehen, habe ich dann sehr schnell verworfen, denn ich könnte ja schließlich oben lesen was gesungen wird. Leider muss ich sagen, dass ich ausgesprochen oft, wenn nicht sogar öfter als auf die Bühne, auf den Text geschaut habe, denn man versteht tatsächlich wenig. Aber die Stimmen aller Sänger sind beeindruckend! (Melf)

Das Sinnbild des Aktenschrankes als Kerker für vergessene Dokumente, aber auch im wahrsten Sinne des Wortes „Büroleichen“ ist clever gewählt. Die Menschen werden als Akten in der Geschichte abgelegt und auch so dargestellt. […] Die Anspielungen auf das Zusammenspiel von Diktatur und dem Freiheitsgedanken sind überall zu finden. Die Stilisierung des Bühnenbildes und der Darsteller weckt den Blick auf das Wesentliche. Durch die zentrale Stellung und die Nacktheit, durch die Florestan entblößt und aller Rechte genommen erschien, konnte dieser von den anderen Gefangenen direkt erkannt werden. Mit den Anspielungen auf verschiedene Epochen der Geschichte bleibt es zeitgemäß, lässt aber Vieles offen, wie schon van Beethoven es vermutlich zu verstehen gegeben hat. (Stephanie)

Die Stimmen haben mich direkt mitgerissen. Diese Kraft der vereinten Stimmen, die durch den ganzen Saal schallten, war sehr bewegend und ist mir nachhaltig in Erinnerung geblieben. (Stephanie)

© Arno Declair

© Arno Declair

Mit fortschreitender Handlung kommt immer mehr Spannung ins Stück, es wird lauter, die Charaktere singen von Mord, drohen einander und haben Angst. In diesen angespannten Situationen vergesse ich nach oben auf den Text zu schauen und mein Opernerlebnis wird bedeutend besser. Meine Aufmerksamkeit, Angespanntheit und Neugierde wie es zu Ende geht, sind vergleichbar mit dem Erlebnis eines Kinobesuches, bei dem man während des Spannungshöhepunktes total vergisst, dass man im Kino ist…nur besser. Denn man hört nicht nur einen am Computer zusammengeschnittenen künstlichen Ton, sondern fühlt Musik, die live von Menschen gemacht wird. (Melf)

© Arno Declair

© Arno Declair

Mit der Ode an die Liebe und die Freiheit gegen jede Form der Diktatur zu agieren, greifen Generalmusikdirektor Kent Nagano und Intendant Georges Delnon mit der Wahl dieser Oper ein stets aktuelles Thema auf. […] Mich hat die Inszenierung überrascht und die Musik vom Philharmonischen Staatsorchester hat mir sehr gut gefallen, wodurch ich neugierig auf weitere Opern geworden bin. Und besonders beeindruckend finde ich den Mut, eine Oper auf die wesentlichen Elemente zu reduzieren und in eine neuere Zeit zu interpretieren, wodurch dem Zuschauer keine Interpretation aufgezwungen wurde, sondern noch genügend Freiraum für die individuelle Interpretation gelassen wurde. (Stephanie)

Auf dem Weg nachhause bin ich hin und her gerissen, ob ich die Oper mag. Auf der einen Seite mag ich die Musik, das Gefühl, wenn das ganze Orchester und 30 Menschen auf der Bühne alles geben. Auf der anderen Seite frage ich mich, ob die sprachliche Verständlichkeit wirklich so sehr leiden sollte, nur um der menschlichen Stimme noch den letzten Funken Exzellenz zu entlocken. Aber ich werde wieder in die Oper gehen, vielleicht mit dem Versuch nicht nach oben auf den Text zu gucken, sondern den Film in fremder Sprache auch so zu verstehen. (Melf)

Schön, dass ihr dabei wart! Du willst auch OpernTester werden? Die nächste Chance hast du am 3. April bei „I.th.Ak.A.“. Bewirb dich einfach unter schausdiran@staatsoper-hamburg.de.