Foto: Brinkhoff/Mögenburg

Pelléas und Mélisande – „Eine eigentümlich magische Wirkung“

Suggestive Traumräume, (atmo)sphärische Musik und eine rätselhafte Geschichte. Mélisande weiß nicht, woher sie gekommen ist: sie sitzt am Rand eines Brunnens mitten im Wald. Die Tiefe zieht sie an, unten der Glanz einer Krone.. Golaud und sein Bruder Pelléas lieben Mélisande, den einen heiratet sie, den anderen liebt sie. Ihre Flucht misslingt, am Ende sind beide tot.

Dieser Oper fehlen Erklärungen, Orte, Zeiten: Weder weiß man, wann sie spielt (vor 10 Jahren, vor 100 Jahren, vor 1000 Jahren?), noch erfährt man, wer Mélisande ist (sie scheint über sich selbst nichts zu wissen), es wird auch nichts gesagt über das Außen, über eine Gesellschaft, einen Staat. Man weiß nicht, wovon die Menschen leben, womit sie sich beschäftigen. Eher scheinen alle auf etwas zu warten. Zeit scheint nicht zu vergehen, der alte König scheint nicht sterben zu können.

Alles ist symbolisch gemeint: Alles lebt, alles steht, keiner durchbricht die unsichtbare Wand, die sich um alles zieht. Nur die Musik bewegt sich, aber auch eher um sich selbst, in sich selbst, sie kämpft sich nirgendwohin durch. Alles ist so ganz anders als heute. Ganz anders?

Foto: Brinkhoff/Mögenburg

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Traum und Realität machen für Kent Nagano den ganz besonderen Reiz aus

„Debussys Pelléas et Mélisande stellt in der Geschichte der Oper etwas Einzigartiges dar. Im Grunde bietet die Handlung die brutale Geschichte eines Familienzerfalls an. Wir erleben ein Endspiel, in dem Krankheit, Hoffnung, Betrug, Eifersucht, Angst und Totschlag herrschen. Das böte ja durchaus die Möglichkeit zu einem grell und scharf gezeichneten Drama. Doch Debussy hat genau darauf sich nicht eingelassen. Er hat das Maeterlinck-Drama vielmehr in ein Traumstück verwandelt, hat es durch seine Musik in eine Art virtuelle Realität versetzt. Darin liegt die Bedeutung dieser Oper begründet. Aber dass man als Musiker ebenso wie als Publikum diese Oper als einen Traum wahrnimmt und empfindet, beziehungsweise empfinden kann, das beinhaltet durchaus eine besondere Herausforderung.“

Debussys filigranes Meisterwerk ist durch und durch mystisch – und polarisiert seit seiner Uraufführung. In dem „drame lyrique“ orientiert sich Debussy an der natürlichen Wortmelodie, er kreiiert eine Komposition, die den Begriff der impressi-onistischen Klangsprache prägt. Darin liegt auch für Kent Nagano die Besonderheit:

„Die Sprache ist bei dieser Oper von besonderer Bedeutung. Aus ihrer phonetischen Eigenart und aus ihrer inneren gestischen Qualität sind die musikalischen Formungen herauskristallisiert. Zugleich ist der Gesang in die instrumentale Struktur integriert. Gerade in dieser Ambivalenz liegt die Herausforderung: einerseits braucht es Deutlichkeit, andererseits aber ist diese Deutlichkeit in der Gesangsdiktion Teil und Baustein der gesamten musikalischen Struktur. Das ist der besondere Kunstanspruch Debussys. Man muss unwillkürlich an Debussys Affinität zum Wasser und zum Meer denken, an die Welle, an den Tropfen als Teil von etwas Unermesslichem.“

1 Kommentar

  1. Frank Levermann sagt:

    Sehr geehrte Damen und Herrn, vielen Dank für den gestrigen wunderschönen Abend in ihrem Haus. Debaussy setzt in dieser Oper die nicht in Worte fassbaren Gefühle der in diesem Familiendrama handelnden Personen um in für mich fesselnde Musik und Gesang. Dies ist in meinen Augen allen Musiker sehr gelungen und lies die 3-Stunden-Oper wie im Fluge vergehen.
    Vielen, vielen Dank dafür an Herrn Nagona, dem Orchester und allen Sängern.

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