Was bleibt von deinem Zauber, Flöte?

Mit einem der beliebtesten und gleichzeitig undurchsichtigsten Musiktheaterwerke eröffneten wir die Spielzeit 16/17. Mozarts „Zauberflöte„, dieses Welttheater, zusammengesetzt aus Singspiel, Volkstheater und Freimaurerphilosophie, verzaubert und verwirrt seit mehr als zwei Jahrhunderten das Theaterpublikum.

Welche Bedeutung hat dieses Stück für uns heute? Welche Aspekte dieses Gesamtkunstwerks interessieren uns heute besonders? Diesen Fragen nähern wir uns in einem Musiktheater-Projekt, bei dem musikbegeisterte Menschen unterschiedlichster Altersgruppen teilnehmen. Regisseur Alexander Radulescu hat dafür ein spannendes Konzept erarbeitet, das Mozarts „Zauberflöte“ und Sergej Turgenjews Roman „Väter und Söhne“ einander gegenüberstellt.

Mehr als eintausend Neu-Hamburgerinnen und Neu-Hamburger waren in der vergangenen Spielzeit zu Gast in der Hamburgischen Staatsoper. Gemeinsam mit ehrenamtlichen Paten erlebten Geflüchtete zahlreiche Opern- und Ballettaufführungen sowie Philharmonische Konzerte und Kinderprogramme. Mit diesem Musiktheater-Workshop will die Staatsoper diese Begegnung fortschreiben und intensivieren. Mit professionellen Sängerinnen und Sängern stellen die Teilnehmer das erarbeitete musikalisch-szenische Werk am 31. Mai in der opera stabile einer breiten Öffentlichkeit vor.

Alexander Radulescu

Alexander Radulescu

Partizipatorische Angebote, also Theaterprojekte zum Mitmachen und Kreativ-Workshops stehen bei den etablierten Kulturinstitutionen heute hoch im Kurs. Sie selbst haben bereits zahlreiche Erfahrungen in diesem Bereich gemacht. Was macht die Wichtigkeit für solche Vermittlungsprojekte für Sie aus?

Alexander Radulescu: Für mich und meine Kollegen an der Staatsoper steht im Vordergrund, dass wir den beteiligten Projektteilnehmern die Möglichkeit einräumen, ihr eigenes kreatives Potenzial zu entdecken und dieses in der Auseinandersetzung mit Kunst und Kunstwerken weiter zu entwickeln. Wichtig ist, dass wir das Angebot gezielt offen halten und Menschen unterschiedlichster Herkunft und unterschiedlichsten Alters ansprechen und begeistern wollen. Kulturvermittlung nicht als Werkzeug von Marketing oder Öffentlichkeitsarbeit sondern als Kulturpädagogik im besten Sinn.

Welche Beziehungen zum Hier und Heute können die Projektteilnehmer im kommenden Workshop herstellen?

Alexander Radulescu: Spannungen zwischen den Generationen waren und sind immer ein aktuelles Thema für das Theater. Das gilt für die „Zauberflöte“ genauso, wie für „Väter und Söhne“ oder beispielsweise Filme wie „Das Fest“ oder ganz aktuell „Toni Erdmann“. Interessant wird es sein, diesen Aspekt durch verschiedene kulturelle Folien zu beleuchten. Folien und Codes, die die einzelnen Projektteilnehmer mitbringen. Hier erhoffe ich mir, dass wir in der Gruppe voneinander erfahren und lernen können, dass wir uns vorurteilsfrei begegnen und dass die Lebenslinien aller Mitwirken den zum tragfähigen und inspirierenden Gerüst dieses Projekts werden.

Musiktheater-Workshop

Wie werden Sie konkret vorgehen und was erwartet die Projektteilnehmer?

Alexander Radulescu: Wir arbeiten mit einer Gruppe von ca. 25 Personen, die sich im Vierzehn-Tage-Rhythmus mit mir und meinen Kollegen der Staatsoper in den Räumen der Oper trifft. Spielerisch – d. h. durch Improvisationen und die Entwicklung unterschiedlichster Schauspielszenen – werden wir uns beiden Werken nähern, die Charaktere kennenlernen und Zusammenhänge herstellen. Ich möchte die Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer ermutigen und befähigen, sich selbst zu den Handlungssträngen der Werke zu positionieren, sie animieren die Geschichte neu zu denken, zu übertragen auf eigene biografische Erlebnisse und sie miteinander in ein neues Gefüge zu übersetzen. Da wir an einem Musiktheaterprojekt arbeiten, stehen die Musik und die Dialoge der „Zauberflöte“ ganz klar im Mittelpunkt unserer Arbeit. Sicher müssen wir auf die Fähigkeiten und Interessen der Kursteilnehmer eingehen und im Zweifelsfall auch mehrsprachig arbeiten. Die Neugier auf andere Kulturen und die Freude an der Begegnung sind dabei wichtige Voraussetzungen.

Alexander Radulescu

radulescuAlexander Radulescu arbeitet als freier Theater- und Fernseh-Regisseur in Hamburg. Sein Debüt als Opern-Regisseur machte er 2005 mit der Inszenierung von „Die Entführung aus dem Serail“ in Augsburg. Es folgten zahlreiche Produktionen im In- und Ausland, darunter die von der Presse hochgelobte Inszenierung von „Le Nozze di Figaro“ an der Staatsoper Bukarest, „Sehnsucht nach Isfahan“ in Bremen sowie zahlreiche Produktionen in Hamburg, unter anderem „Into the Woods“, „Orfeo ed Euridice“,  „urinetown, Zaide“. Alexander Radulescu unterrichtet als Schauspiel-Dozent an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Seit 2014 hat er ebenfalls einen Lehrauftrag am Hamburger Konservatorium.

Christoph Böhmke

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