Was kann Pamina wollen?

Komische Frage: wenn man will, kann man doch, und wieso soll das Wollen vom Wollen-Können abhängig sein?

© Arno Declair

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Pamina ist die Figur in der Zauberflöte, die zunächst mal der Anstoß ist, der die Handlung in Gang setzt. Sie tut das aber nicht aktiv, sondern ist das Streitobjekt, das von Sarastro geraubt, von der Königin zurückersehnt und von Tamino gerettet wird. Zu sagen und zu fragen hat sie selbst nichts. Tamino spricht nicht mit ihr, obwohl sie inständig darum bittet, denn Sarastro fordert dem Neubewerber um die Mitgliedschaft in seinem Geheimbund Stillschweigen ab.

Sie ist Objekt sexueller Nachstellungen durch Monostatos und soll am Ende das Schlusstableau als Angetraute komplettieren. Wir sehen: in den machtpolitischen Auseinandersetzungen ist sie Objekt, sie hat nichts zu wollen. Doch ist sie es, die sich in die Feuer- und Wasserprobe hineinmogelt, die ja allein Tamino den Zutritt in die Männergesellschaft gewähren soll. Sie verschafft sich Gestaltungsspielraum. Und bringt ja die Flöte mit, die erst den Schutz gewährt. Nicht auszudenken, welchen Ausgang die Probe für Tamino genommen hätte ohne sie.

Aber was ist, wenn man nichts von einem Raum weiß, den man betreten könnte? Oder schlimmer: wenn man nur glaubt, die freie Entscheidung über seinen Spielraum zu haben?

Seit Jahren tobt ein Streit zwischen der Geistes- und der Neurowissenschaft, wer denn der Herr im Hause des Ich sei: während die Philosophen die immaterielle Instanz eines „Geistes“ behaupten, reduzieren die Neurowissenschaftler das metaphysische Pathos auf die Steuerzentrale Gehirn mit seinem neuronalen Feuer auf Basis chemischer Transmitterstoffe. Sie glauben, mit einem Experiment beweisen zu können, dass es den freien Willen nicht geben kann: Versuchspersonen haben die Aufgabe, zu einem von ihnen angegeben Zeitpunkt den Entschluss zu fassen, ihren Arm zu heben. Gleichzeitig wird untersucht, in welchen Regionen der Hirnrinde und zu welchem Zeitpunkt Hirnaktivität messbar ist.

© Arno Declair

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Und siehe da: jeweils ca. 200 Millisekunden, bevor die Versuchsperson den Entschlusszeitpunkt anzeigen, verzeichnet das EEG Aktivität. Schlussfolgerung: das Gehirn und nichts das freie Ich bestimmt die „bewusst“ genannten, nachgeordneten Entscheidungen. Was dabei aktiviert werde, seien in die Tiefe des psychischen Apparats eingegangene, latent vorhandene und aktuell aktivierbare Erfahrungspartikel, Erinnerungssequenzen, genetisch fixierte Verhaltenskodexe. Sie sind identitätsstiftend für die jeweilige Person und stellen deren Unverwechselbarkeit her. Diese mittels elektrisch-chemischer Abläufe aktivierten Erinnerungs- und Prägungsmodule dialogisieren im neuronalen Netz und produzieren Aussagen, Handlungen und Entscheidungen, konstituieren einen „Ich-Katalog“. Dabei ist aber nichts wirklich „frei“, sondern zum überwiegenden Teil determiniert. Das Individuum weiß aber von seinem inneren Unglück nichts, hält sich für frei und von seinem freien Willen bestimmt.

Drei Wissenschaftler der Universität Hamburg kommen zusammen, um mit der Regisseurin Jette Steckel zu diskutieren: wieviel Freiheit ist den Figuren der Oper Zauberflöte gewährt, was erfahren Tamino und Papageno auf ihrem Gang von der Welt der Königin der Nacht zu Sarastros Reich, wie frei kann man denn sein in solch einer verschworenen Gemeinschaft, wie einengend sind prägende Fixierungen durch gruppendynamische Prozesse und eingleisige Sozialisierungsdynamiken, kann das Ich diese Fesseln sprengen und wie sehr setzt man sich aus, wenn man als Einzelner sein Ich behauptet? Wie wird man erwachsen, wie wird man alt? „Ich kann nicht aus meiner Haut!“

 

25.9.2016 ca. 21:30 Parkettfoyer der Staatsoper Hamburg, im Anschluss an die Vorstellung

Prof. Dr. Moritz Schulz, Professor für Theoretische Philosophie, Metaphysik und Sprachphilosophie
Prof. Dr. Frank Rösler, Professor für  Biologische Psychologie und Neuropsychologie
Dr. Martin Schneider, Literaturwissenschaftler
Jette Steckel, Regisseurin
Johannes Blum, Dramaturg
Moderation: Prof. Ortrud Gutjahr

Eintritt frei

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