Welche Rolle spielt eigentlich… eine Übertitelkorrepetitorin?

Um diese Frage zu beantworten, haben wir die Übertitelkorrepetitorin Heidi Meyer im vierten Rang des Zuschauerraums besucht. Dort befindet sich – versteckt hinter einer schmalen Tür direkt neben den Hörplätzen – der Arbeitsplatz der Übertexter.

Wir stehen in einem kleinen Raum, der gerade groß genug ist, dass ein Schreibtisch und ein Stuhl hineinpassen. Die Bühne, vier Ränge tiefer, ist durch die zwei kleinen Fensterluken kaum zu sehen. Viel Licht gibt es an ihrem Arbeitsplatz zwar nicht, aber die Schreibtischlampe, Computer und ein Monitor, auf dem der Dirigent zu sehen ist, sind alles, was sie braucht. Und natürlich darf das von oben bis unten mit Partituren gefüllte Bücherregal nicht fehlen. Heidi greift hinter sich und zieht ein Buch heraus – die Partitur von „La Bohème“.

Auf dem Tisch liegen nach der letzten Vorstellung noch die Noten von Brittens „A Midsummer Night’s Dream“. Daneben Traubenzucker, Stifte, eine Fernbedienung und – ganz wichtig – Kopfhörer. In der Partitur sind mit Bleistift die Cues eingezeichnet, die einen neuen Textabschnitt markieren und anzeigen, wann der nächste Text eingeblendet werden muss. Das passiert über ein Übertitelprogramm auf dem Computer und den Klick im richtigen Moment. Je nach Timing und Stabführungsstil der Dirigenten muss der Übertitel unterschiedlich abgespielt werden. Das erfordert konzentriertes und gewissenhaftes Arbeiten einer einzelnen Person. Manchmal sind auch kleine Bilder oder verschlüsselte Nachrichten in die Partitur gemalt. „Über diese geheimen ,Botschaften‘ von den Kollegen freut man sich während der Arbeit immer“, sagt Heidi.

Verschlüsselte Botschaften…?

Da alle Opern in Originalsprache – zum Beispiel in italienischer, französischer, russischer oder englischer Sprache – gesungen werden, sind die Übertitel essentieller Bestandteil einer Aufführung.

„Im Prinzip geht es darum, dass jemand den Job macht, der sich für klassische Musik interessiert und Noten lesen kann.“

Seit knapp sieben Jahren arbeitet Heidi Meyer an der Hamburgischen Staatsoper. Sie ist durch einen „sehr schönen Zufall“ zur Arbeit mit den Übertiteln gekommen, erzählt sie uns mit einem Lächeln auf dem Gesicht. Während ihres Studiums hat sie als Oboistin im Orchester an einem Projekt mit der ehemaligen Intendantin Simone Young mitgearbeitet und war zusammen mit einer Kommilitonin – damals ebenfalls Übertitelkorrepetitorin – für eine Probe an der Oper. Dort erfuhr sie von der freien Stelle und hat sich sofort beworben.

Achtung, zählen!

Die Übertexter haben alle einen unterschiedlichen beruflichen Hintergrund. Einige sind Theaterregie-Studierende, andere Sänger oder einfach nur Laien-Instrumentalisten. „Es hilft sehr, wenn man selber auch mal aktiv Musik gemacht hat und ein Interesse für Oper hat“, sagt Heidi. „Gute Konzentration, eine schnelle Reaktion und das Noten-Verständnis sind die wichtigsten Eigenschaften, die man mitbringen muss, wenn man Übertitel fährt – wie es im Fachjargon heißt.“

Von der Partitur auf die Leinwand

Während wir mit Heidi in der Übertitel-Loge stehen, erzählt sie uns, wie eine Vorstellung für sie abläuft: Eine dreiviertel Stunde vor Beginn der Oper ist sie im Haus. „Man geht gerne vorher nochmal die Partitur durch und ruft sich in Erinnerung: Wo muss ich nochmal richtig gut aufpassen, wo muss ich zählen, wo muss ich den Dirigenten über die Dirigentenkamera angucken? Wo sind Sprünge, an denen man in der Partitur hin und her blättern muss?“ Die Aufnahme der Dirigentenkamera wird neben den Bildschirmen im Saal und hinter der Bühne auch auf einem kleinen Fernseher in der Übertitel-Loge übertragen. Das Orchester hört man entweder über den Fernseher oder direkt per Kopfhörer. Konzentration und Reaktionsvermögen sind vor allem in den Fällen wichtig, in denen der Dirigent das Tempo wechselt oder Akzente setzt.

Bei Neuproduktionen sind die Übertitelkorrepetitoren im Team bei den Endproben dabei. „Einer fährt dann die Übertitel und der andere sitzt in der Probe und liest mit, um zu kontrollieren, ob die Texte stimmen, das Timing beim Einblenden geändert werden muss oder Cues doch noch anders aufgeteilt werden müssen“, erklärt Heidi uns. Während der Vorstellung sitzt man dann aber alleine in der Übertitel-Loge. Bei Uraufführungen werden die Texte von den Dramaturgen vorbereitet und von den Übertitelkorrepetitoren beim „Fahren“ angepasst.

Die „Galerie“ der Übertitel-Loge

Als Übertexter lernt man eine Menge über die Stücke. Dabei liegt der Fokus bei der Arbeit sehr auf dem Gehörten. „Es geht primär wirklich um die Musik“, sagt Heidi. Seitdem sie an der Staatsoper arbeitet, ist sie quasi zur Opernexpertin geworden. Auch abseits der Arbeit besucht Heidi gern mal eine Vorstellung. Dabei verbringt sie dann allerdings schon mehr Zeit „oben bei den Übertiteln“ als „normale“ Zuschauer, gibt sie zu.

„Man hat das Gefühl, man ist Teil von diesem großen Geschehen, an dem so wahnsinnig viele Leute beteiligt sind.“

Der Übertexter ist ein wichtiger Job, der es dem Publikum möglich macht, die gezeigten Opern inhaltlich und emotional besser zu verfolgen. Diese wichtige Rolle macht die Arbeit auch für Heidi so interessant: „Schön ist es auch immer, wenn man auf der Dirigentenkamera die ersten Reihen sieht. Wenn die Köpfe zwischendurch immer wieder nach oben gehen, merkt man, dass man auch eine wichtige Rolle im Opernkosmos spielt.“

3 Kommentare

  1. Stefan Thron sagt:

    Liebe Frau Meyer!
    Herzlichen Dank für Ihre Leistungen, Ihre Kolleginnen und Kollegen und Sie runden den Operngenuss ab, wissen wir doch immer dank der Übertexte, welcher Text gerade gesungen wird. Bitte weiter so.

    Herzliche Grüße, auch im Namen meiner Begleiterinnen und Begleiter,
    St. Thron

  2. Eberhard Schley sagt:

    Viele Grüße an Heidi, ich kenne sie von Anfang an. Ich selber bin seit 1958 Stammgast im vierten Rang links. Eberhard Schley.

  3. Peter Hallmann sagt:

    Ein sehr guter Beitrag, meine Anerkennung für diese Arbeit. Ich möchte mich bei dieser Gelegenheit auch für die vorherigen Berichte über die vielen fleißigen Künstlerarbeitsbienen die nicht sichtbar, aber für das Gelingen eines Abends so wichtig sind bedanken.
    Da capo

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