„Es ist ein Wunderwerk geworden“ – Pressestimmen zur Premiere von „Manon“

„Manon“ mit Elsa Dreisig in der Titelpartie hatte am 24. Januar 2021 Premiere im Großen Haus – aufgrund der aktuellen Situation jedoch ohne Publikum vor Ort. Dafür wurde die Premiere live über NDR Kultur im Radio und Internet übertragen. Die Staatsoper Hamburg zeigt die Oper von Jules Massenet als Video-on-Demand ab dem 27. Januar 2021, 18.00 Uhr für 48 Stunden.

Was schrieben Kritiker*innen über die Premiere von „Manon“?

„Es ist ein Wunderwerk geworden“, schreibt Reinhard J. Brembeck in der Süddeutschen Zeitung über „Manon“. „Diese Oper ist bitter-süß und die Hamburger Aufführung ist traumhaft.“ Elsa Dreisigs Leistung bezeichnet er als „brillant“, als „überwältigend“: „Ohne alles Operndivengehabe singt sie [Elsa Dreisig] Massenets Lebenslustgezwitscher: bravissima!“ Ioan Hotea lobt er als „einschmeichelnden Tenor“, der mit allen Raffinessen französischer Gesangskunst vertraut sei: „Da muss man nicht nur als Frau einfach dahinschmelzen.“ Dieses ungleiche Paar, Manon und Des Grieux, begleite Regisseur David Bösch „ganz unprätentiös und ohne alle intellektuell regietheaterhaften Allüren“. Dirigent Sébastien Rouland arbeite dazu die Musik Massenets „genauso leichthändig wie der Regisseur heraus (bravissimo!)“. Er baue diese kleinteilig geniale Partitur zu einem raffinierten Panoptikum aus, das alle menschlichen Gefühle streift, aber sich an keines verliert, keines absolut setzt. Diese Brüchigkeit hat nichts vom maroden Charme des historisch abgelebten Fin-de-siècle, es ist ganz heutiges Gefühlsbarometer.“

„Sie verwandelt sich in Manon mit Haut, Haar und Herz, mit allem Übermut und allen Abgründen“, so im Hamburger Abendblatt über Elsa Dreisig. (Foto: Brinkhoff/Mögenburg)

„Keine Stimme hat süßere Akzente: Elsa Dreisig versteht das Singen als Verbindung von Klang und Gedanke“, so Jürgen Kesting in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung: „Elsa Dreisigs Manon hat das Gespür und die fein abgestufte Pastellpalette für die flüsternden Melodien Massenets, die in Form zart-sinnlicher musikalischer Prosa gesprochen werden.“

„Auf höchstem Niveau“, titelt Verena Fischer-Zernin ihren Artikel im Hamburger Abendblatt. „Diese ‚Manon‘ zeigt, auf welchem Niveau das Haus inzwischen wieder arbeitet.“ Über David Böschs Regiearbeit schreibt sie: „Dass das nicht unfreiwillig komisch wirkt, sondern glaubwürdig, verdankt sich einer unauffälligen, aber hauchfeinen Personenregie“, und meint damit die Umsetzung der Abstandsregeln, die in dieser Zeit gelten und auch in intimen Momenten auf der Bühne eingehalten werden (müssen).

Seine „ideale Darstellerin“ habe Bösch in der Sopranistin Elsa Dreisig: „Sie verwandelt sich in Manon mit Haut, Haar und Herz, mit allem Übermut und allen Abgründen. Vor allem aber singt die junge Französin mit jener Natürlichkeit und Mühelosigkeit, die in der Kunst allerhöchste Beherrschung verraten. Tastend und lyrisch zu Beginn, hochvirtuos bei den Koloraturen des berühmten ‚Je marche… obéissons‘ im dritten Akt – nie gerät die Stimme an ihre Grenzen“, und sie ergänzt, dass Elsa Dreisig „[…] zu allem anderen auch noch ein Wunderwerk an Präzision abliefert.“

Über das Ensemble ist in ihrem Artikel zu lesen: „An der Dammtorstraße ist sie [Elsa Dreisig] der strahlende Mittelpunkt eines bis in die Nebenrollen überragenden, typgenau gecasteten Sängerensembles.“ Manons Vetter Lescaut sei von Björn Bürger „lebhaft gesungen und gespielt“ und Ioan Hotea leihe „dem Des Grieux seine frei fließende, nie knödelige Tenorstimme und steigert sich im Lauf des Abends zu geradezu heldischer Leidenschaftlichkeit“.

Ioan Hotea als Chevalier Des Grieux „steigert sich im Lauf des Abends zu geradezu heldischer Leidenschaftlichkeit“. (Foto: Brinkhoff/Mögenburg)

Das bestätigt auch die dpa: „Die junge Sopranistin Elsa Dreisig in der Titelrolle war der Mittelpunkt eines überragenden Sängerensembles“, und lobt auch das Orchester: „Hervorragend das Philharmonische Staatsorchester, das unter der Leitung von Sébastien Rouland eine gegenüber dem Original stark ausgedünnte Fassung spielte.“

Elisabeth Richter schreibt in ihrem Artikel für den NDR: „Tenor Daniel Kluge und Bariton Alexey Bogdanchikov als Lebemänner Guillot und Brétigny singen exzellent, Dirigent Sébastien Rouland kristallisiert im Philharmonischen Staatsorchester die feine französische Eleganz heraus.“

Ihr Fazit ist, dass dies eine „musikalisch brillante Premiere“ war. Denn: „Musikalisch war diese ‚Manon‘ wirklich ein Fest. Zuallererst ist da die Französin Elsa Dreisig als Manon mit verführerisch geschmeidigem Sopran, aber auch Ioan Hotea als Des Grieux verzauberte mit kernig-erotischem Tenor.“

„Böschs sensible und detailgenaue Personenführung profitiert nicht zuletzt von der unverbrauchten Ausstrahlung der überragenden und außerordentlich glücklich zusammengeführten, hinreißend-jungen Sängerdarsteller“, rezensiert Achim Dombrowski im Kulturmagazin O-Ton. Als „ideale Manon“ bezeichnet er Elsa Dreisig, sie bleibe stimmlich „der langen und anspruchsvollen Partie trotz all ihrer Anforderungen nichts schuldig“. Über Ioan Hotea schreibt er, dass sich der „eher höher timbrierte, sensible Tenor“ und sich „perfekt als ihr liebender, ebenso junger wie unerfahren-hingebungsvoller Liebhaber Des Grieux“ bewähre. Ein „überzeugender Lescaut“ seit Björn Bürger, der „einen außerordentlich spielfreudig-draufgängerischen, stimmlich flexiblen“ Cousin der Manon gebe. Ebenso geht Lob an Dimitry Ivashchenko: Er gebe den Vater von Des Grieuxs „überzeugend stimmlich und darstellerisch“. Und: „Elbenita Kajtazi, Narea Son und Ida Aldrian runden das Ensemble der Darsteller überzeugend ab.“

„Diese Leichtigkeit und Eleganz, die Psychologie und in den Tönen schattierte Erotik ist in der Neuproduktion der Hamburgischen Staatsoper […] zu spüren“, steht in den Kieler Nachrichten. Der Autor Christian Strehk schreibt weiter: „Sébastien Rouland […] trifft das Entscheidende: den glitzernden Comique-Tonfall in der Offenbach- und Bizet-Nachfolge, das Quicklebendige oder innig Betrübte.“ Über Elsa Dreisig ist zu lesen, dass sie der Manon „weder stimmlich noch darstellerisch kaum etwas schuldig bleibt“, sie vermeide die „Opferrolle, sondern lässt die junge Frau risiko- und selbstbewusst auf dem Vulkan tänzeln“. Die Regiearbeit von David Bösch nennt er „sehr präzise“ und kommt zum Fazit: „Das ist sehenswert. Und hörenswert sowieso.“