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Nach Fukushima – Oriza Hirata inszeniert „Stilles Meer“

In Zahlen, Worten und Bildern erreichte uns die Katastrophe Fukushimas. Das Mitgefühl ist groß, das Begreifen unmöglich. In ihrem Musiktheaterwerk Stilles Meer setzen sich Komponist Toshio Hosokawa und Theatermacher Oriza Hirata auf künstlerischer Ebene mit den Folgen des Erdbebens für das menschliche Individuum auseinander.

Viereinhalb Jahre nach der Atomkatastrophe im Nordosten Japans ist für zehntausende Menschen kein Alltag in Sicht. Die Überlebenden kehren in verwaiste Gegenden zurück oder leben noch immer in Zwischenunterkünften. Viele gingen fort, in möglichst weit entfernte Gebiete des Landes, andere sind durch wirtschaftliche, oft aber auch emotionale Gründe an die Katastrophenregion gebunden; können sich nicht trennen vom Ort, der ihnen die Familie und Freunde nahm. Der Wunsch nach Rückkehr in die Heimat oder Neuanfang fernab der kontaminierten Regionen zerreißt Familien und Gesellschaft.

Die Nachrichten über die Ereignisse vom 11. März 2011 gingen um die Welt. Die Berichterstattung machte den Landstrich Fukushima für den Rest der Welt zum Synonym der Zerstörung durch Natur und Technologie.
Fakten Fukushima
Die künstlerische Auseinandersetzung mit Ereignis und Folgen der Katastrophe sind auch in Deutschland präsent; zeigen sich in Ausstellungen wie „Low tide“ von Denis Rouvre, dessen stille Menschen- und Landschaftsporträts ein Gleichgewicht zwischen nüchterner Abbildung und menschlichem Mitgefühl suchen, oder Festivals wie „Japan Syndrome“, in dem sich das Hebbel am Ufer (HAU) Berlin 2014 mit „Kunst und Politik nach Fukushima“ auseinandersetzte.

Wir haben uns mit Regisseur Oriza Hirata unterhalten und ihn nach seinem persönlichen Bezug zu den Ereignissen in Fukushima gefragt.

Die Uraufführung „Stilles Meer“ erzählt von den Folgen der Naturkatastrophe und des Reaktor-Unfalls in Fukushima. Wie haben Sie die Ereignisse von 2011 und deren Folgen erlebt, Herr Hirata?

11_Hirata_swOriza Hirata: „Was das Erdbeben anbelangt: damals war ich in Tokyo bei einer Probe mit meiner Theatercompagnie Seinendan und habe das Beben gespürt. Es war das größte Beben in meinem Leben. Japan ist ein Erdbebenland und Erbeben sind ein Schicksal, mit dem Japan leben muss. Ganz anders ist das Problem des AKW-Unfalls: Schon seit jeher bin ich gegen Atomkraft und ich habe auch Theaterstücke geschrieben, die das thematisieren. Trotzdem hätte ich nie gedacht, dass es einen so schwerwiegenden Unfall in Japan geben könnte. An Tschernobyl denkend, glaubte ich, so etwas könne nur in einem Staat wie der Sowjetunion geschehen. Dieser Irrglaube hat mich nach den Ereignissen in Fukushima mein Verantwortungsgefühl spüren lassen.

Als Professor an Hochschulen und Teil der japanischen Intellektuellen hätte ich dafür sprechen können, die AKWs abzuschalten. Als Akt der Sühne versuche ich seither etwas für die Region Fukushima zu leisten: Ich arbeite vor allem für Kinder und Jugendliche – Kinder, die ohne selber Schuld dafür zu tragen, ihre Heimat verlassen mussten. Man kann es vielleicht mit den Flüchtlingskindern vergleichen, die jetzt aus Syrien und anderen Ländern fliehen. Und für diese Kinder ist es wichtig, dass sie mit Kunst und Kultur in Berührung kommen und da ist Schauspiel eine gute Methode, um Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Mit der Oper „Stilles Meer“, die in Hamburg uraufgeführt wird, möchte ich den Menschen in Fukushima zeigen, dass die Welt, die gesamte Welt Fukushima nicht vergessen hat.“

Hat sich Ihr Blick auf das Verhältnis von Mensch und Natur im Zeitalter zunehmender Technisierung durch die Katastrophe verändert?

AICHI, Japan (March 20, 2011) A large ferry boat rests inland amidst destroyed houses (U.S. Marine Corps photo by Lance Cpl. Garry Welch/Released)

AICHI, Japan (March 20, 2011) A large ferry boat rests inland amidst destroyed houses (U.S. Marine Corps photo by Lance Cpl. Garry Welch/Released)

Oriza Hirata: „Auch vor der Erdbebenkatastrophe und dem AKW-Unfall war ich der festen Überzeugung, dass Japan wirtschaftlich keinen Spielraum mehr zum Wachsen hat und die Gesellschaft diese Tatsache akzeptieren und sich zu einer reifen Gesellschaft entwickeln muss. Diese Überzeugung hat sich durch die Ereignisse weiter gefestigt. Aber die derzeitige Regierung scheint schon alles vergessen zu haben. Von der Mentalität her sagt man, dass die Japaner Sachen häufig sehr schnell vergessen, aber bei dieser Regierung ist es extrem: ohne Reflexion der vergangenen Jahre versucht man, eine wirklich anachronistische Politik durchzuführen wie zu Zeiten von Reagan oder Thatcher. Es ist eine sehr kritische Situation.“

Natur und Mensch stehen sich zunehmend in gegenseitiger Gefährdung gegenüber, das Bewusstsein dafür schwindet. Für Politik und Wirtschaft scheint das Vertrauen in unbegrenztes Wirtschaftswachstum durch billige Energie und der Glaube an die Beherrschbarkeit von Natur und Technologie vielerorts ungebrochen: Im August nahm die japanische Regierung erstmals seit der Atomkatastrophe einen Kernreaktor in Betrieb, im Herbst folgte der zweite. Japan kehrt zur Atomkraft zurück – gegen die Proteste der Bevölkerung.

 

Titelbild: Denis Rouvre