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Spanien-Reiseblog Tag 6 & 7: Ein Wochenende in Valencia

Die Reisegruppe macht sich zum Abschluss der Reise auf den Weg nach Valencia, wo noch einmal Architektur, Lebensgenuss und Massenets „Werther“ warten.

Am frühen Nachmittag kommen wir in Valencia an. Im Bus erfahren wir viel über Katalonien, seine Verbindung zu Valencia, die Landschaft, durch die wir fahren, die Landwirtschaft, die Sprache etc. etc. Immer wieder Thema ist das Selbstverständnis der sogenannten „Minderheitsbevölkerungen“ in Spanien: Galizien, Baskenland, Katalonien, Valencia und die Böcke, die man schießen kann, wenn man alle unter „Spanien“ subsumiert und nicht lediglich bei der politischen Zughörigkeit bleibt. Kulturell sind es Gräben. Ebenso fliegt der Holländer vom vorigen Abend noch mal vorbei.

Russafa

In Valencia haben wir noch eine Stunde, bis die Markthalle schließt, es ist schließlich Samstag. Das Foto zeigt jamón ibérico in rauen Mengen. Ich persönlich schenke mir das Keramikmuseum und mache einen langen Spaziergang durch die Stadt. Völlig anders als Barcelona: irgendwie „kleiner“ im Ausdruck (Ausnahme ist das Hotel und die „plaza di ayuntamient“). Ich habe den Eindruck, dass sich, auf angenehme Weise, niemand um einen kümmert und in uns den Touristen sieht. Die Leute hier leben im Großen und Ganzen auch ohne uns, während sich in Barcelona alles auf die Gäste richtet. Vielen aus der Gruppe geht es ähnlich. Ich komme in ein Viertel, das „Russafa“ heißt. Ursprünglich Wohnort der kleinen Leute und Arbeiter, gentrifiziert es sich zur Zeit, ist aber gerade noch charmant und spannend – viele Kneipen, alternative Läden, Kunst. Im Café de Berlin ein Gin-Tonic, ich kann mich ja dem Gruppendruck nicht entziehen. An einer Kirche, in der eine Hochzeit stattfinden soll, fällt dem genervten und nervösen Pfarrer das Sammeln der Gäste sichtlich schwer. Es dauert ewig, bis alle drin sind, eine scheppernde Glocke lärmt dazu von oben. Endlich können die gymgestählten Angestellten des Bentley-Verleihs in Ruhe auf den Handys daddeln.

Der Mercat de Colón ist eine traumhaft schöne Markthalle, mehrheitlich Cafés, Läden mit Wäsche oder Kleidung, Blumen – offen nach außen, sodass der Wind hindurchstreichen kann, an der Stirnseite ein wunderschönes farbiges Jugendstilfenster und am Eingang zwei Säulen, als ob sie Gaudí der Stadt geschenkt hätte. Am Estació del Nord vorbei geht’s wieder zum Hotel für eine kurze Erholungspause, bevor wir abends gemeinsam zum Essen gehen.

Letzter Tag in Valencia

Es geht zum Estaciò del Nord, diesmal zur Besichtigung. Einen Bahnhof besichtigen? Bei diesem lohnt es sich, denn der Stil, in dem er gebaut wurde, ist der „modernismo“, deutsch: Jugendstil. Eine schöne Idee der Architekten: In der Haupthalle sind umlaufend Gute-Reise-Wünsche als Mosaik an der Wand aufgebracht. Auch auf griechisch, japanisch und russisch.

Das Schaufenster des Tages ist keins, sondern eine Werbung für Kaffe und Schokolade aus den Pionierzeiten der Branche: „El niño lloron“. Weiß der Himmel, welch tiefere Bedeutung in diesem etwas rätselhaften Motiv liegt, denn das ist zwar die Kleidung, aber nicht die Physiognomie eines Kindes, und warum weint es: weil es Schokolade verschüttet hat und die Strafe dafür erwartet? Ist es ein „altes Kind“ und die Flüssigkeit in der Tasse war Kaffee? Wer Interpretationsideen hat, melde sich bitte, indem er die Kommentarfunktion des Blogs nutzt.

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Nach dem Kunstgenuss mit Bildern von Velazquez und El Greco im „Museo de bellas artes“ schlendere ich durch die sonntäglich träge Stadt. Doch beim Einbiegen auf einen Platz ist die Ruhe dahin: in traditionellen Trachten tanzen einige Paare zur Musik von Trommeln und einem Blasinstrument, das in der Bretagne „Bombarde“ heißen würde und einen näselnd-prägnanten Klang hat. Gemächlich sind die Bewegungen zunächst, der Hitze und den voluminösen Gewändern der Frauen angemessen. Doch schneller und schneller treiben die Musiker die Paare an und alles endet in einem furiosen Wirbel. Auf einem nächsten Platz wird geswingt! Eine Band spielt und gut 30 Paare schmeißen sich leidenschaftlich in die synkopierten Rhythmen. Als ich wieder zu den anderen stoße, erzählen sie, dass der ganze Platz kurz vorher mit Tangopärchen gefüllt war. Hamburg! Tanzt!

Tango-tanzende Radler in Valencia, entdeckt von einem Reiseteilnehmer

Tango-tanzende Radler in Valencia, entdeckt von einem Reiseteilnehmer

Vier Aufrechte wagen noch die „Direttissima“ auf den Turm der Kathedrale, während die anderen schon zum Essen gehen.

Abends Jules Massenets Oper „Werther“ in guter bis großartiger Sängerbesetzung. Eine junge Zuschauerin war so berührt von der Musik und der Geschichte einer unglücklichen Liebe, dass sie mehrere Male laut und ohne sich zurückzuhalten herzzerreißend aufschluchzt. Ihr schienen die Erfahrungen, die Werther und Charlotte nicht zueinander kommen lassen, nur allzu bekannt zu sein. Erstaunlich, wie in einem solchen Moment der Beobachter gleichermaßen empathisch und ein wenig peinlich berührt reagiert.

Hero just for one day?

Nach einem schönen gemeinsamen Abendessen auf der Hotelterrasse und der letzten Nacht in Valencia geht es am Morgen zu den Santiago Calatrava-Bauten, von denen eins das „Palau de les arts Reina Sofia“ ist, wo der Werther gezeigt wurde. Daneben gibt’s in ungeheuren, weißen Dimensionen einen Bau für die Wissenschaft, eine blau behelmte Agora, eine langgestreckte Palmenallee, überdacht mit einer offenen Bogenkonstruktion, die an Gaudìs Vorbild für den Dachboden der „Casa Milà“ erinnert, ein Schlangenskelett. Alle Gebäude imposant, auch und gerade in ihrer mitunter provokativen  Zweckfreiheit: das Wissenschaftszentrum scheint wenig belebt, die Oper spielt wenigstens. Eine Frage bleibt: Warum altert neue Architektur so schlecht, denn innert kürzester Zeit wird weiß zu grau oder blättert ab und reißt in der Oberfläche oder rostet. Jugendwahn? No future? Hero just for one day?

Das letzte: Besuch im Hafen und den obsoleten Gebäuden, die die enttäuschte Hoffnung spiegeln, den America’s Cup regelmäßig nach Valencia zu holen. Die Architektur von David Chipperfield ist allerdings toll.

Das wars! Flughafen, einchecken und wieder deutsch sprechen, wenn man einen Kaffee bestellt.

Auf Wiedersehen! Es verabschiedet sich der part-time blogger Johannes Blum, in offizieller Funktion Leitender Dramaturg der Staatsoper. Ein Selbstporträt (sorry: Selfie) zum Abschied.

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