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Auf einen Schnack mit: Donatienne Michel-Dansac

Die Komposition „Playing Trump“ von Bernhard Lang wird in der Inszenierung von Staatsopernintendant Georges Delnon und unter der Musikalischen Leitung von Emilio Pomaricò am 20. August 2021 open-air an der Elbphilharmonie uraufgeführt. Das Libretto von Dieter Sperl basiert auf Originalzitaten des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump. Donatienne Michel-Dansac interpretiert Trump, wir trafen die Sängerin und Performerin während der Proben zum Interview.

Frau Michel-Dansac, Sie haben eine besondere Leidenschaft für zeitgenössische Musik und zeitgenössische Kunst, verbinden, gemeinsam mit anderen Künstler*innen, Kunstgattungen. Wie kam es zu dieser künstlerischen Entwicklung?

Donatienne Michel-Dansac: Das Leben ist wie ein Parcours oder auch ein riesiges Panorama. Meine Eltern waren sehr verschiedene Persönlichkeiten und ihr Erziehungsstil hat sich sehr unterschieden. Mit meiner Mutter – die keine professionelle Sängerin, sondern in einem Amateurchor war und Musik liebte – ging ich bereits sehr früh, so ab drei Jahren, ins Theater und in die Oper. Ich habe zwar viel geschlafen in Vorstellungen [lacht], aber ich habe sehr viel gehört und es gelernt, wirklich mit meinem Gehör hören zu können. Es ist faszinierend, Menschen bei der Interpretation von Noten zu beobachten und zu sehen, wie Stück für Stück ein Gesamtwerk entsteht.

„Es ist faszinierend, Menschen bei der Interpretation von Noten zu beobachten und zu sehen, wie Stück für Stück ein Gesamtwerk entsteht“, so die Sopranistin Donatienne Michel-Dansac. („Playing Trump“-Probe, Foto: Brinkhoff/Mögenburg)

Mein Vater, er war ein stiller Mensch, hatte einen genauen Blick für die Bildende Kunst – aber auch für das Leben im Allgemeinen. Wir gingen früher viel Segeln und schauten uns einfach den Ozean, den Horizont an. Wir gingen auch viel ins Museum, betrachteten eher klassische Kunst, obwohl ich mich heute eher mit zeitgenössischen und konzeptionellen Richtungen befasse. Ein Auslöser war, als ich 1993 das Sammler- und Mäzenenpaar Françoise und Jean-Philippe Billarant kennenlernte, die das musikalische Projekt „En Echo“ von Philippe Manoury realisierten.

Doch was macht man als Interpret mit der Musik? Wie kann mit den gleichen Noten verschiedene Dinge ausdrücken? Wie viele Interpretationen kann ich dieser Musik geben? Da ich als Kind lernte, Geige und Klavier zu spielen, im Kinderchor war, durch meinen Blick für Kunst und aufgrund meines Gehörs, besitze ich eine ausgeprägte Auffassungsgabe. Die frühen Berührungen mit Darstellender und Bildender Kunst ermöglichten es mir, schnell ein kritisches Bewusstsein zu entwickeln und dass ich mich mit den Werken intensiv auseinandersetze. Dabei hilft es, eigene Wahrnehmungen zu nutzen, um mit der Musik zu arbeiten – beziehungsweise diese verstehen zu können. Und es kann möglich sein, mit einem Werk zu arbeiten, ohne es verstanden zu haben. Ich bin keine Komponistin, ich bin Interpretin. Ich brauche eine Partitur, ein Blatt Papier, das ich auf den ersten Blick immer als ein eher konzeptionelles als figuratives Bildwerk betrachte. Es gibt mir eine Idee … oder auch mehrere. Als Interpretin bewerte ich, wie gut die Musik zu mir und meiner Stimme passt. Ich entscheide mich nur für Partien, wenn sie zu meiner Stimme im Allgemeinen passen, nicht nur zu meinem Stimmumfang.

Und was ist Ihnen in Ihrem künstlerischen Schaffen wichtig?

Wichtig ist mir, was Noten meiner Stimme lehren können. Ich lege mich nicht auf Stile und Richtungen fest, aber mich soll die Musik bereichern. Das Endergebnis, das, was dem Publikum präsentiert wird, ist nicht das Erste, woran ich denke. Wenn wir anfangen, nur an das Endergebnis zu denken, dann können wir nicht schaffen. Man ist entweder auf der Bühne oder im Saal. Man kann nicht an beiden Orten gleichzeitig sein. Und als Interpretin bin ich auf der Bühne. Natürlich gehe ich das Risiko ein, dass im Zuschauerraum jemand nicht zufrieden sein wird, aber mir ist es weitaus bedeutender, meine intensive Arbeit am Stück, meine Interpretation zu präsentieren, wobei dieses Wort im Sinne von „Übersetzung“ zu verstehen ist.

Im Französischen hat das Wort „Interpretation“ mehrere Bedeutungen. Zu einem steht sie die musikalische Interpretation und zum anderen für die Sprache. Als Kind wollte ich als Übersetzerin bei den Vereinten Nationen arbeiten und viele Sprachen lernen. Doch ich merkte, dass ich als Sängerin meine persönliche Version von Noten ausdrücken wollte. Es gibt immer eine Originalfassung, doch je nach Interpretation klingt es am Ende anders.

Die Stimme soll auch wandelbar sein und sich jedem Komponisten anpassen. Eine Stimme für Ligeti soll für Ligeti sein, eine für Bach sollte auch für Bach sein. Es gilt, die Stimme zu modellieren und diese immer anpassen zu können. Ähnlich wie beim Modellieren von Skulpturen. In erster Linie kommt es dabei auf die Technik an. Sie bestimmt die Interpretation. Keine Emotion am Anfang der Arbeit, zuerst die Technik. Etwas Abstand halten. Das sage ich auch immer meinen Studierenden.

„Playing Trump“ unter der Musikalischen Leitung von Emilio Pomàrico. („Playing Trump“-Probe, Foto: Brinkhoff/Mögenburg)

„Playing Trump“ ist eine Uraufführung. Sie werden die Erste sein, die diese Partie interpretieren wird. Wie gehen Sie bei der Einstudierung vor?

Das Werk besitzt sehr viele unterschiedliche Facetten. Manchmal wird gesungen, dann gibt es wieder nur Sprechgesang oder auch nur Sprechen. Die Musik ist sehr repetitiv, die auch sehr stark an Rock und Pop erinnert. Durch dieses repetitive Arrangement lässt sich das Stück verschieden interpretieren und singen.

Beim Singen denke ich nicht an Trump. Ich denke daran, was ich mit meinen Stimmlagen erreichen kann. Es ist sehr sprunghaft, denn ich muss mit meiner Stimme, viele verschiedene Dinge ausdrücken. Dadurch entwickele ich einen neuen Charakter. Denn Trump möchte ich nicht sein. Ich stehe nicht hinter seinen Aussagen und möchte diese auch nicht verteidigen. Es geht mir nicht darum, eine Meinung zu teilen, ich experimentiere nur mit Klängen und Ausdrücken.

Wichtig ist mir der Klang bei den Worten. Worte haben erstmal einen Klang und dann eine Bedeutung. Zuhause hatten wir keinen Fernseher. Meine Familie und ich hörten sehr viel Radio. Ich habe eine unbändige Liebe für das Radio und seine Fähigkeit, die Fantasie zu beflügeln. Durch das Hören lernen wir die Emotionen der Worte anders kennen, als durch eine visuelle Wahrnehmung. Die Bedeutung der Worte ist mir in dem Falle in erster Linie egal. Man kann den Ausdruck „Ich liebe dich“ in so vielen Variationen kommunizieren, die alle unterschiedlich wirken. Ebenso wenn man eine Beleidigung mit einem Lächeln äußert, hat das nicht denselben Effekt, wie wenn man es auf aggressive Weise kommuniziert.

Das Stück wird sowohl auf Englisch als auch auf Deutsch sein. Ich versuche mit verschiedenen Stimmlagen eine unterschiedliche Wirkung zu erreichen. Im Moment habe ich die Idee, die Stimme auf Deutsch höher klingen zu lassen. Noch ist es aber nur eine Idee. Ich liebe es, mit Sprache zu spielen. Man kann Konsonanten härter und abgehackter klingen lassen und Vokale sehr lang ziehen. Auch die Geschwindigkeit variiert von Sprache zu Sprache. Das ist das wirklich interessante an dem Projekt. Mit dem Intendanten Georges Delnon und dem Choreografen arbeiten wir an der Körpersprache im Verhältnis zur Musik und dem Inhalt.

Staatsoper Hamburg Bernhard Lang „Playing Trump“ – Donatienne Michel-Dansac Inszenierung – Georges Delnon Musikalische Leitung – Emilio Pomàrico Dramaturgie – Klaus-Peter Kehr Licht – Bernd Gallasch Mitglieder des Philharmonischen Staatsorchesters Hamburg

Worauf kann sich das Publikum von „Playing Trump“ freuen, was erwartet sie?

Sie besuchen nicht die Vorstellung, um mich zu verstehen oder um mich persönlich zu erleben. Ich bin auf der Bühne, um zu arbeiten. Mein Beruf ist Sängerin und Schauspielerin. Ich will meine Stimme plastisch nutzen. Diese wie eine Skulptur formen können. Jede Vorstellung muss das Publikum zum Denken anregen. Das Publikum mag zustimmen oder nicht, aber es ist wichtig, neugierig zu sein und neugierig zu bleiben.

Doch für mich ist es wichtig, nicht Trump zu sein. Seine Ansichten will ich nicht repräsentieren. Im Zuschauersaal könnte man denken, dass das Stück politisch sein soll. Das ist auch die Schwierigkeit dieses Projekts. Natürlich ist es Trump. Es ist sowohl hier als auch in Frankreich ein heißes Thema. Es ist klar, dass das Publikum auch an ihn denken wird. Aber hier ist die zuvor erwähnte Diskrepanz zwischen seinen Reden und meinem Körper und den Klang der Worte, mit dem ich experimentiere. Als Interpretin muss ich seriös bleiben und muss davon absehen, bei seinen Reden persönlich emotional zu werden. Hier liegt der Unterschied. Ich wünsche mir nicht, ihn zu verkörpern.

Doch lassen wir die Zuschauer*innen verstehen, was sie verstehen wollen. Das gilt ohnehin für alle Werke.


Foto: Astrid Ackerman

Donatienne Michel-Dansac ist erstmals für die Staatsoper Hamburg tätig. Die in Nantes geborene Französin erhielt schon früh Violin- und Klavierunterricht und wurde mit sieben Jahren Mitglied des Kinderchores Maîtrise de l’Opéra de Nantes. Mit 19 Jahren besuchte sie das Conservatoire National Supérieur Musique et Danse de Lyon und schloss mit dem Prix de Chant ab. Bereits mit 21 Jahren führte sie mit dem Ensemble Intercontemporain unter der Leitung von Pierre Boulez Luciano Berios „Laborintus II“ auf. Dieses Erlebnis hat ihre Leidenschaft für die zeitgenössische Musik geweckt, nichtsdestotrotz zählt auch die Klassik und Barockmusik zu ihrem Repertoire. Ihr Interesse an zeitgenössischer Kunst brachte sie mit sogenannten „Plastic Artists“ zusammen, mit denen sie unkonventionelle Musikformen, Filme, Aufnahmen, Lesungen sowie in Museen stattfindende Performances und Konferenzen erarbeitet. Neben ihrer Tätigkeit als Sängerin unterrichtet Donatienne Michel-Dansac am Internationalen Musikinstitut Darmstadt (IMD) und ist Regent Dozentin an der University of California in Berkeley. Darüber hinaus wurde sie mit der Auszeichnung „Chevalier des Arts et Lettres“ gewürdigt. 2016 erhielt sie für ihr Lebenswerk von der Académie Charles-Cros die Auszeichnung „Grand Prix in Honorem“.