Im Gespräch mit: Holger Liebig

1728 wurde Georg Philipp Telemanns „Miriways“ an der Oper am Gänsemarkt uraufgeführt. Nun wird das Stück von Holger Liebig neu inszeniert und feiert in der opera stabile Premiere. Unter der Musikalischen Leitung von Volker Krafft singen die Sängerinnen und Sänger unseres Internationalen Opernstudios. Wir trafen Holger zum Gespräch im Bühnenbild.

Miriways wurde 1728 uraufgeführt. Nun inszenierst du das Stück neu. Was genau wird das Neue sein?

Holger: Die Frage ist für mich viel mehr: Was erzählt das Stück heute? Was können wir aus dem Stück für uns mitnehmen, was uns betrifft? Es geht in diesem Zusammenhang vor allem darum, die Verhältnisse der verschiedenen Charaktere des Stücks so aufzuzeigen, dass jeder im Raum die Thematik, die heute noch genauso existiert, versteht. Nach wie vor gibt es Menschen, die von Macht besessen sind, alles für die Erhaltung ihrer Macht tun und darüber das Privatleben vergessen. Andere wiederum sind nur privat und vergessen alles andere um sich herum. Beides hat Vor- und Nachteile. Das gibt es heute genauso wie damals.

Das Stück ist eine Geschichte aus dem Persien des 18. Jahrhunderts, über arrangierte Ehen und politische Machtkämpfe. Wie arbeitest du in deiner Neuinszenierung mit diesem Stoff?

Holger: Schon Miriways selbst wurde zu einer arrangierten Ehe gezwungen, weshalb er seine damalige Geliebte, samt gemeinsamer Tochter, verlassen musste. Trotzdem macht er dasselbe mit seiner Tochter, um die diplomatischen Verhältnisse in dem von ihm eroberten Gebiet Persiens zu gestalten. Dies erreicht er, indem er dem Sohn seines Feindes die Ehe mit seiner Tochter aufzwingt. Denn die Macht über das eroberte Areal ist daran gekoppelt, dass dieser seine Tochter heiratet.

Dass solch eine Thematik übergreifend ist, zeigen wir durch die Verlagerung in ein Restaurant der 1950er Jahre. Das war zum einen eine ästhetische Entscheidung, zum anderen nutzen wir diesen zeitlichen Rahmen, weil wir so das Verhältnis Mann/Frau und die damit verbundenen Hierarchien im Kontext der 50er Jahre deutlicher und poetischer erzählen können.

Das Interessante an dem Stoff ist zu zeigen: Wie funktionieren die einzelnen Figuren? Miriways, der seine Geliebte wiedertrifft und sich noch immer zu ihr hingezogen fühlt, trotz allem aber die Macht in den Vordergrund stellt, um seine Interessen und seinen Einfluss zu erhalten. Er stellt das Private in den Hintergrund. Genauso Nisibis, die sich aus gesellschaftlichem Druck und Konventionen heraus dazu gezwungen fühlt, einen bestimmten Typ von Mann heiraten zu müssen, obwohl sie einen anderen liebt. Dieses Verhältnis – Gesellschaft versus Privatleben – das ist heute immer noch genauso aktuell und zu beobachten wie damals im 18. Jahrhundert.

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Kannst du uns das Besondere des Bühnenbildes erläutern? Die Tische, das Restaurant, die Atmosphäre… Ein Teil der Zuschauer sitzt mit an den Tischen und somit mitten im Bühnenbild?

Holger: Genau. Mir stellt sich die Frage: Wie kann man das Stück räumlich erzählen? Wenn man in der Vorbereitung zunächst erfährt, dass das ursprüngliche Stück in Afghanistan spielt, es ein Kriegsgeschehen gab, dann klingt das erst einmal toll – daraus könnte man viel machen. Aber wir müssen uns natürlich etwas für die räumliche Situation in der opera stabile ausdenken. Wir haben uns überlegt: Wie übersetzen wir diese Region in ein stabile-tragfähiges Raumkonzept. So entstand die Idee, dass Miriways das Restaurant gekauft und nach seinen Vorstellungen eingerichtet hat (Miriways isst übrigens über den Abend verteilt ein 4-Gänge-Menü – authentisches, afghanisches Essen). Beim Bühnenbild handelt es sich also um ein afghanisches Restaurant, jedoch in der westlichen Hemisphäre, in den 1950er Jahren. Genau gesagt 1953, denn die Zeitschriften im Bühnenbild sind von 1953 (lacht). Weil der Restaurantraum zulässt, viele Personen in einem Raum unterzubringen und zu erörtern, eignet es sich hervorragend als Kontext, um die einzelnen Figuren des Stücks zu porträtieren. Eine Figur trifft sich zum Geschäftsessen, der Chef sitzt an seinem Stammtisch und beobachtet das Geschehen, es gibt die Bar, an der man sich aufhalten kann… genug Möglichkeiten also, um Abgeschiedenheit vom Rest der Beteiligten zu haben und gleichzeitig aber auch ein Gefälle von Hierarchien darzustellen. Wir zeigen in unserer Inszenierung kein Kriegsgeschehen, aber wir nutzen den Restaurantkontext als eine Darstellung von hierarchischen Verhältnissen der einzelnen „Gäste“.

Neben deiner Arbeit als Regisseur bist du Spielleiter an der Staatsoper. Wie sieht ein normaler Tag für dich aus?

Holger: Es gibt keine normalen Tage! Als Spielleiter ist es meine Aufgabe, vor allem die Repertoire-Stücke zu pflegen, die ihre Premiere teilweise vor vielen Jahren hatten. Wir haben dann natürlich neue Sängerbesetzungen und studieren die jeweilige Produktion möglichst so ein, dass der Premierenstandard gehalten wird. Komfortabel ist es natürlich, wenn man bei einer Neuproduktion bereits assistiert hat und das Stück dann über Jahre hinweg betreut. Aber durch das große Repertoire, das wir hier an der Staatsoper Hamburg haben, lernt man eben auch Stücke bei Repertoireserien immer wieder neu mit dazu. Das ist grundsätzlich die Hauptaufgabe; mit einer neuen Besetzungen dieselbe Inszenierung zu erarbeiten. Wobei man immer wieder neue, interessante Begegnungen hat. Denn das Spannende daran ist, mit den unterschiedlichen Besetzungen den Geist der Produktion zu erhalten und gemeinsam zu erarbeiten.

 

Holger Liebig

Holger Liebig wurde 1980 geboren und studierte Musikwissenschaft, Komparatistik und Philosophie in Leipzig.

Zahlreiche Assistenzen führten ihn u.a. nach Leipzig, Bonn, Mainz und Hamburg, wo 2009 mit Judith Weirs „Das Geheimnis der schwarzen Spinne“ sein Regiedebüt in der Reihe „opera piccola“ der Staatsoper Hamburg erfolgte. Seit der Spielzeit 2010/11 ist er an der Staatsoper Hamburg als Spielleiter engagiert, wo er 2012 die Inszenierung von Matthesons „Die unglückselige Cleopatra“ mit dem Internationalen Opernstudio übernahm.

Prägend in der Zusammenarbeit sind vor allem Regisseure wie Immo Karaman, Renaud Doucet, Jetske Mijnssen, Johannes Erath und Jette Steckel.