Operntester*innen: La clemenza di Tito

Welche Figur ist dir am meisten im Kopf geblieben?

Sesto: Emotionen pur. Egal ob Verliebtheit, Begierde und Treue oder Verzweiflung und Reue, ich habe alles mit durchlebt. Und eine Stimme zum Dahinschmelzen. – Sandra

Welche Teile der Oper fandest du am emotionalsten?

In den letzten beiden Teilen (Tradimento und Clemenza) sah ich mich mit unterschiedlichsten Emotionen konfrontiert. Ich war sehr berührt von der Größe, die Titus bewies, in dem er Sesto gegenüber Milde walten lässt. Titus schafft es, trotz des schweren Verrats, dem Vertrauensmissbrauch und einer damit einhergehenden Kränkung, sich nicht in Rache zu üben. Das Ringen der beiden um ihre Gefühle, sowie ihre Zerrissenheit ist in den Szenen stark spürbar. Es war für mich fast unmöglich Partei zu ergreifen, weil hier zwei Menschen mit ihren echten und tiefsten Gefühlen sichtbar wurden. – Miriam

Gibt es eine bestimmte Szene, die dir besonders gut gefallen hat?

Als Servilia Tito sagt, dass er sie nicht heiraten kann und dann die Erleichterung in Titos Gesicht zu sehen, war unfassbar schön. Und die Szene am Ende, wo Tito unfassbar mit sich hadert, hat mich wahnsinnig begeistert. Hier wurde ich so von seiner Zerrissenheit mitgenommen, dass ich das Gefühl hatte selbst diese schwere Entscheidung treffen zu müssen. – Annika

Mit welchen 3 Worten würdest du die Musik der Oper beschreiben?

Ich finde drei Worte für diese vielfältige Musik recht schwierig, aber genau deshalb ist das erste Wort Vielfalt. Die anderen beiden sind berührend und mitreißend. – Sophia

Welche Stimmung hat die Oper bei dir ausgelöst?

Mit „La Clemenza di Tito“ kommt eine seltener inszenierte Oper nach Hamburg, welche thematisch sehr gegenwärtig interpretiert werden kann. Das Thema der Vergebung, welches häufiger im religiös-christlichen Kontext diskutiert wird, steht hier als ein säkulares, humanistisches Gebot im Zentrum des Werkes. Der Appell dieser Oper, durch Milde und Vergebung ein versöhnliches Miteinander zu gewährleisten, ist sowohl in aufgeheizten gesellschaftlichen Debatten als auch in politischen Konflikten von Relevanz für unsere Zeit. Hass und Gewaltspiralen, so lehrt uns Tito, sind nur zu durchbrechen, indem man, so schwer es einem auch fallen mag, zur Vergebung und Milde bereit ist. Dass diese Oper von überzeitlichen Interesse sein sollte, wird durch das Bühnenbild und die Kostüme, welche modern und zugleich von historisch-epochalen Einflüssen abstrahierend wirken, wunderbar unterstützt. Die eher schlichte Gestaltung lenkt die Aufmerksamkeit auf die Handlung und ihre rationale Durchdringung. Doch bei all der Ratio ist es der Musik Mozarts und der Leistung der Sänger*innen zu verdanken, dass diese Handlung mit ihren Konflikten uns auch mit den Figuren fühlen lässt, wie schwer die Gebote der Vernunft wiegen können. Bernhard Richter in der Titelrolle bringt die Konflikte des Tito anschaulich auf die Bühne und verdeutlicht so die emotionalen Herausforderungen, die eine Vergebung aus Vernunftgründen bedeuten kann. Besonders hervorzuheben ist dabei auch Michèle Losier in der Rolle des Sesto, welche die Konflikte des Mordversuchs am Freunde durch Gesang und Schauspiel zu verkörpern weiß. Adam Fischer am Dirigentenpult sorgt für eine mitreißende Umsetzung der Musik Mozarts, die uns emotional abholt und durch diese düstere Geschichte führt, jedoch immer das erlösende Ende der Vergebung vorausahnen lässt. Die sehr gelungene Inszenierung und musikalische Umsetzung des Stoffes haben so auf die Besuchenden eine erhebende Wirkung, welche durch die glaubhafte und nachvollziehbare Milde des Tito ausgelöst wird. Zufriedenheit macht sich breit, wenn diese Oper einen an die Ideale des Humanismus glauben lässt und man einen Ausweg aus der Gewalt gezeigt bekommt. Dem Publikum wird mit dieser Neuinszenierung ein Mozartgenuss der ganz besonderen Art beschert. – Thorben

Findest du die Themen, die in dieser Oper behandelt werden, sind heute noch aktuell?

La clemenza di Tito ist für mich ein so gegenwärtiges Stück, weil sie ihren Figuren mit einer hohen menschlichen Komplexität behandelt. Niemand in dieser Oper ist wirklich böse, sondern sie alle handeln nur aus den für sie plausiblen Gründe und das ist für mich doch sehr wie das echte Leben. Die Milde als Antwort und Ausbrechen aus der Rachespirale empfinde ich dabei als wegweisend. – Leonard